Steuerkanzleimanagement: Führung und Leitbild

Zusammenfassung

 

Überblick

Früher war alles besser. In gewisser Weise trifft das für den steuerberatenden Beruf zu – nämlich wenn man als "besser" einfacher definiert. Sagen wir, bis in die 80er-Jahre hinein brauchte es dafür, eine Kanzlei erfolgreich aufzubauen und am Leben zu halten, vor allem fachliche Kompetenz. Aus einer etwas überhöhten Schwarz-Weiß-Perspektive könnte man für das Managen und Führen einer Steuerkanzlei "früher" sagen: Kanzleimarketing = Kanzleischild an die Bürotür schrauben, Personalbeschaffung = eine Anzeige in der Zeitung schalten, Führung = "Mitarbeiter wissen eh, was zu tun ist", Strategie ist nicht nötig, weil Mandanten für das, was wir tun, sowieso jedes Honorar zahlen.

Auch wenn diese überzogene Darstellung sicher nicht ganz zutrifft – so würden die meisten über die Situation des Berufsstands heute sagen, dass die Herausforderungen deutlich diverser und komplexer sind. Vor allem in den Management- und Führungsaufgaben der Kanzlei, und das zusätzlich zu den wachsenden fachlichen Anforderungen.

Mit diesem Beitrag wird der systematische Startpunkt gesetzt, von dem aus die Kanzlei in eine erfolgreiche Zukunft gesteuert werden kann. Und dieser Startpunkt ist Führung und Leitbild.

1 Führen als unternehmerische Priorität

Die fachlichen Anforderungen an Steuerkanzleien und ihr Personal sind nicht nur ungebrochen hoch, sondern mit steigender Komplexität des Steuerrechts und der Rechtsprechung sind allein die fachlichen Fragen für eine einzelne Person nicht mehr zu bewältigen.

Doch neben diesen im Kernbereich der steuerlichen Tätigkeit liegenden, steigenden Anforderungen gibt es auch Herausforderungen, die von Steuerberaterinnen und Steuerberatern und dem gesamten Kanzleiteam ganz neue Handlungs- und Lösungsmuster erfordern – die bisher in diesem Ausmaß in einer Kanzlei zwar hilfreich, aber praktisch nicht unbedingt nötig waren, um "gut über die Runden zu kommen".

Derzeit gibt es allerdings eine Reihe von Entwicklungen, die für Steuerkanzleien existenziell sind und die eines aktiven Agierens von Steuerkanzleien bedürfen, wollen diese nicht zum hilflosen Spielball externen Einflüsse werden:

Die Digitalisierung verändert – seit Jahren und fortwährend – grundlegend alle Bereiche unseres Lebens und auch der Wirtschaft. Wirtschaftsforscher erklären den globalen Welthandel in seiner aktuellen Form als Auslaufmodell[1], Innovationen werden nicht mehr ausschließlich von Unternehmern, sondern zunehmend von Kunden getrieben ("Prosuming"), längst beeinflussen das Internet und die digitalen Medien nicht nur unser privates und berufliches Informationsverhalten und wo wir einkaufen, zunehmend werden alle Bereiche des Lebens durch das Internet beeinflusst.[2] Alle Unternehmen müssen sich aktiv mit dem Paradigmenwandel durch die Digitalisierung auseinandersetzen.

Eine Studie der Universität Oxford[3] sieht über die Hälfte der Jobs in Deutschland durch die Digitalisierung gefährdet, darunter steuerberatende Berufe. Zudem gibt es heute schon Länder in der EU, in denen die Finanzverwaltung Zahlungen der Steuerpflichtigen direkt mit Steuernummer erfasst – mit dem Ziel einer besseren Durchsetzung der Steuererhebung und dem Nebeneffekt, dass eine einfache Buchhaltung als "Nebenprodukt" kostenlos für den Steuerpflichtigen abfällt. Außerdem arbeiten Internetkonzerne an Businessmodellen, die ihre Informationsdienstleistungen auf das Thema Buchhaltung erweitern sollen. Denn bargeldlose und mobile Bezahlmethoden werden als Ausgangspunkt einer Kette von Informationsdienstleistungen rund um Zahlungsvorgänge gesehen, die konsequent weitergedacht mit Dienstleistungen wie Finanzbuchhaltung weiter geführt wird. Eine Entwicklung, von der zunächst Banken, in Zukunft aber auch Steuerkanzleien betroffen sind.

Zudem haben Steuerkanzleien in (naher) Zukunft auch mit weniger Schutz durch das Berufsrecht, mehr Wettbewerb aus dem EU-Ausland und von berufsfremden gewerblichen Unternehmen zu rechnen. Dazu kommt durch den auch in Verwaltungen ausgeprägten Effizienzzwang, die Tendenz zu E-Governance auch im Bereich Steuern und Buchhaltung (Stichwort: vorausgefüllte Steuererklärung). Um das Fass der Herausforderungen vollends zum Überlaufen zu bringen, wird der Personalmarkt für Steuerberater zusehends enger.[4]

2 Führen als Lösung von Herausforderungen

Die beschriebenen Herausforderungen haben gemeinsam, dass sie so grundlegend für die (künftige) Arbeit in einer Steuerkanzlei sind, dass sie nicht operativ angegangen werden können. Wenig Erfolg versprechend sind also Aktivitäten, die in Richtung Prozessoptimierung oder "effektiveres, schnelleres Arbeiten" gehen: Für sich genommen sind das wichtige Initiativen. Dennoch – die Herausforderungen, die Kanzleien heute schon spüren und die in naher Zukunft noch stärker werden, können so nicht gelöst werden.

Im Raum steht z. B. die grundlegende Frage, wie Steuerberater eine Dienstleistung um die Finanzbuchhaltung gestalten, die auch für kostensensible Freiberufler und Unternehmer Mehrwert bietet, Mitarbeiter...

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