Littmann/Bitz/Pust, Das Ein... / A. Die Zukunftsbedingtheit des "Vermögens"
 

Rn. 18

Stand: EL 76 – ET: 11/2007

Die fachliterarische Diskussion zu den richtigen Inhalten einer Bilanz (Vermögensübersicht) verläuft in Deutschland traditionell und konsequent auf dem Fundament eines in vielen Jahren entwickelten Bilanzrechtsgebäudes, in das die statischen Befestigungselemente der GoB eingebaut sind. Die höchstrichtliche Steuerrechtsprechung hat an der Erstellung dieses Gebäudes einen maßgeblichen Anteil. In diesem Gebäude haben wichtige (drohende Verluste bei Dauerschuldverhältnissen) ebenso wie eher amüsant wirkende Probleme (Nachbetreuungsleistungen von Hörgeräteakustikern) ihr Wohnzimmer gefunden, andere (zB die Bilanzierung von Finanzderivaten oder die Gewinnrealisierung bei langfristiger Auftragsfertigung) harren noch vor dem Eingangsportal einer Entscheidung bzw eines Verfahrens überhaupt. Ganze Bilanzrechtssysteme sind entwickelt worden, die Lehrbuch- und Kommentarliteratur ist schon vom Volumen her schlechthin überwältigend.

 

Rn. 19

Stand: EL 76 – ET: 11/2007

Aber ein Gesichtspunkt von besonderer ökonomischer Bedeutung kommt so gut wie nie zur Sprache, nämlich die Beschränktheit der Instrumentarien kaufmännischer Rechnungslegung zur Erfüllung der Bilanzziele überhaupt. Einerlei ob Bilanz, Vermögen oder balance-sheet, ob Vermögensgegenstand, WG oder asset, immer stellt sich die Frage nach dem Vorhandensein, insb aber auch nach der Werthaltigkeit von solchen Vermögenswerten und (ungewissen) Verbindlichkeiten, welche man in Deutschland als Rückstellungen (§ 249 Abs 1 S 1 HGB) bezeichnet. (Positives) Vermögen liegt ökonomisch dann vor, wenn aus dieser Position künftig Ertragsüberschüsse erzielt werden können. Vermögen impliziert also immer Erwartungswerte, ist zukunftsbezogen und damit bei der Instrumentalisierung mit dem Problem jeglicher menschlicher "Zukunftsforschung" konfrontiert. Ob und wieviel die betreffenden Gegenstände in der Vergangenheit "gekostet" haben (Anschaffungs- oder HK), ist für den "Wert" unerheblich. Ungewisse Verpflichtungen (negatives Vermögen), die dem Grunde nach als vorhanden gelten bzw vermutet werden und die ihrer Höhe nach nicht bekannt sind, unterliegen ebenfalls diesem "Zukunftsprinzip". Bei allem angeblich oder wirklich vorhandenen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis jeglicher Provenienz bleibt immer noch das unverrückbare Faktum, dass im Verlauf der Geschichte nur ganz wenigen auserlesenen Menschen die Gabe der Prophetie verliehen worden ist. Und solche standen und stehen nicht an der Spitze von Wirtschaftsunternehmen oder Bilanzabteilungen und sind auch nicht bei der FinVerw und der Gerichtsbarkeit vertreten.

 

Rn. 20

Stand: EL 76 – ET: 11/2007

Aus diesen beiden Fakten – der Zukunftsbestimmtheit des "Vermögens" und der mangelnden Einsicht des Menschen in diese Zukunft – folgt zwingend der beschränkte Aussagegehalt eines JA durch Vermögensvergleich, einerlei welcher rechtlicher Provenienz. Auf Wilhelm Rieger, einem der Väter der deutschen Bilanzwissenschaft, geht der bekannte Spruch zurück: "Die Jahresbilanz ist also ein Gemisch von Wahrheit und Dichtung." Es wäre verfehlt, diese "Dichtung" (nur) als Produkt von einschlägigen Manipulationen oder Willkürmaßnahmen zu verstehen. Wahrscheinlich ist daran überhaupt nicht gedacht, sondern eben an das Faktum der menschlichen Beschränktheit hinsichtlich der Wertermittlung von einzelnen Vermögenswerten oder von einer Gesamtheit derselben.

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