Gürsching/Stenger, Bewertun... / 1. Begriff des Teilwerts – Teilwertidee und Teilwertkonzeption

Teilwert ist nach ...

 

Rz. 107

Teilwert ist nach § 10 BewG ebenso wie nach § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 3 EStG der Betrag, den ein Erwerber des ganzen Betriebes im Rahmen des Gesamtkaufpreises für das einzelne Wirtschaftsgut ansetzen würde; dabei ist davon auszugehen, dass der Erwerber den Betrieb fortführt.

 

Rz. 108

Wie schon dargelegt (vgl. oben Anm. 21 ff.), ging es den Schöpfern des Teilwertbegriffs und dem Gesetzgeber bei der Einfügung der Teilwertdefinition in das RBewG 1934 und in das EStG 1934 um die Schaffung eines Bewertungsmaßstabs für die einzelnen Wirtschaftsgüter des Betriebsvermögens, welcher der Bedeutung dieser Vermögensgegenstände für den Betrieb als intakte, "lebende" Organisations- und Leistungseinheit Rechnung trägt. Der Wert der einzelnen Wirtschaftsgüter des Betriebsvermögens sollte also nicht jeweils isoliert – als Einzelveräußerungspreis –, sondern betriebsbezogen, d.h. unter Berücksichtigung der spezifischen Bedeutung des zu bewertenden Wirtschaftsguts für den konkreten Betrieb, bemessen werden. Wie aber lässt sich dieser auf die spezifische Betriebsbezogenheit rekurrierende Wert quantifizieren, d.h. zahlenmäßig ausdrücken? Dazu wird im Folgenden Stellung genommen.

 

Rz. 109– 112

Einstweilen frei.

a) Teilwert kein anteiliger Ertragswert

 

Rz. 113

Eine strenge Wortlautinterpretation des § 10 Satz 2 BewG (sowie des § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 3 EStG) könnte darauf hindeuten, dass der Teilwert in folgenden – fiktiven – Schritten zu ermitteln sei:

 

Rz. 114

(1) In einem ersten Schritt wäre der Gesamtwert des Unternehmens zu bestimmen. Dieser bemisst sich nach dem geschätzten Kaufpreis, den ein gedachter Erwerber für den Betrieb zahlen würde, und zwar unter der Annahme, dass er den Betrieb fortführt ("going-concern-Prinzip"). Letzteres könnte aber nur bedeuten, dass der Unternehmensgesamtwert unter Ertragswertgesichtspunkten – d.h. unter Berücksichtigung der zu erwartenden Erträge – zu bestimmen wäre; denn der gedachte Betriebskäufer würde den Gesamtkaufpreis entscheidend danach bemessen, welcher nachhaltige Ertrag mit dem Betrieb als Ganzem in Zukunft zu erzielen ist.
(2) In einem zweiten Schritt wäre sodann der so geschätzte Unternehmensgesamtkaufpreis auf die einzelnen Wirtschaftsgüter zu verteilen.
 

Rz. 115

Indessen liegt auf der Hand und ist auch von der Rechtsprechung schon frühzeitig erkannt worden, dass dieser Weg zur Teilwertermittlung nicht gangbar ist. Schon die Bestimmung des ertragsorientierten Gesamtwerts eines Betriebs bereitet, selbst wenn der Kapitalisierungszinsfuß, über den man streiten kann, vorgegeben ist, erhebliche Schwierigkeiten und ist exakt nicht durchführbar. Vor allem aber hat es sich als unmöglich erwiesen, aus dem Gesamt(ertrags-)wert des Betriebes die anteiligen Werte der einzelnen Wirtschaftsgüter abzuleiten. Denn es gibt nun einmal keinen plausiblen Schlüssel zur Aufteilung des nach Ertragswertgesichtspunkten ermittelten Unternehmensgesamtwerts auf die einzelnen Wirtschaftsgüter. Der Ertragswert als Gesamtunternehmenswert ergibt sich – wie schon dargelegt (vgl. Anm. 114) – durch Kapitalisierung der nachhaltig zu erwartenden Reinerträge des Betriebes. Dieser Reinertrag ist aber das Ergebnis des Zusammenwirkens vieler unterschiedlicher Faktoren (betriebswirtschaftlich gesprochen: einer Kombination der Produktionsfaktoren), die sich zudem nur unvollständig in der (Steuer-)Bilanz und in der Vermögensaufstellung als Wirtschaftsgüter (Vermögensgegenstände) niederschlagen. Der Anteil der einzelnen "Produktionsfaktoren" oder gar eines einzelnen Wirtschaftsguts – etwa einer Maschine – am Gesamtertrag des Unternehmens lässt sich – jedenfalls in der Regel – nicht isoliert bestimmen. So war denn auch der Teilwert schon in seiner Entstehungsgeschichte weder von der damaligen Lehre noch von der Rechtsprechung und vom (historischen) Gesetzgeber als Ertragswert gedacht worden."Erst die Kritiker haben den Teilwert zum Ertragswert gemacht, um ihn besser widerlegen zu können." Schon bei Enno Becker heißt es hierzu: "Der Teilwert ist der gemeine Wert eines Gegenstands oder Gutes unter Berücksichtigung der Tatsache, daß der Gegenstand Teil einer wirtschaftlichen Einheit ist. ... Die Sache liegt nicht so, als ob zunächst der Wert der ganzen wirtschaftlichen Einheit zu ermitteln und dieser Wert auf die einzelnen positiven und negativen Teile der wirtschaftlichen Einheit – hier des ganzen Betriebes oder Unternehmens – zu verstehen wäre."

 

Rz. 116– 120

Einstweilen frei.

b) Teilwert als Substanzwert

 

Rz. 121

Vielmehr ist der Teilwert von Anfang an als ein Substanzwert, d.h. aber als kosten- und preisorientierter Wert, begriffen worden. Dies erhellt bereits daraus, dass der Teilwert im Rahmen seiner gesetzlichen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte als ein besonderer Anwendungsfall (Unterfall) des gemeinen Werts gesehen wurde. So hatte schon der RFH den Teilwert nur als Sonderart des gemeinen Werts bezeichnet. Begründet hatte der RFH diese Auffassung damit, dass bei der Findung des gemeinen Werts nach § 9 Abs. 2 Satz 2 BewG alle Umstände zu berücksichtigen seien, die den Pr...

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