Gürsching/Stenger, Bewertun... / bb) Gesellschaften mit großem Anteilsbesitz
 

Rz. 697

Die Anweisungen für Holdinggesellschaften gelten auch für andere Gesellschaften, deren Rohvermögen zu mehr als 75 % aus Aktien und anderen Anteilen besteht. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Anteilsbesitz von inländischen oder ausländischen Gesellschaften handelt und ob die Anteile unmittelbar oder mittelbar, z.B. über eine Personengesellschaft oder über einen Treuhänder, gehalten werden (R 103 Abs. 2 ErbStR 2003). Für die Grenze von 75 % ist das Verhältnis des Wertes der Beteiligungen zum Wert des gesamten Gesellschaftsvermögens, jedoch vor Abzug der Schulden und Lasten, maßgebend.

 

Rz. 698

Diese Grenze von 75 % wurde ab 1995 durch Abschn. 11 Abs. 2 VStR eingeführt; sie betrug zuvor 80 %. Die Rechtsprechung hat eine prozentual festgelegte Grenze nicht gezogen. Nach dem BFH ist maßgebend für die Bewertung nur mit dem Vermögenswert ohne Berücksichtigung der Ertragsaussichten, dass "der Ertrag des neben den Beteiligungen vorhandenen übrigen Gesellschaftsvermögens wirtschaftlich nicht ins Gewicht fällt und deshalb ohne Einfluss auf den gemeinen Wert der Anteile ‥ bleibt". Dies kann typisierend auch schon bei einem Beteiligungsvermögen von mehr als 75 % des Rohvermögens angenommen werden.

 

Rz. 699

Der Wert von Anteilen an Holdinggesellschaften und ihnen gleichgestellten Gesellschaften mit größerem Anteilsbesitz entspricht damit einheitlich dem Vermögenswert.

 

Rz. 700

Die 75 %-Grenze des Anteilsbesitzes kann für die Bewertung der Anteile an einer solchen Gesellschaft zu Wertstufen führen, wenn diese Grenze nur geringfügig unterschritten wird. Dies muss aus zwei Gründen hingenommen werden:

  1. Materiell werden mit dieser Grenze Gesellschaften gekennzeichnet, die durch den Einsatz ihres Beteiligungsvermögens ohne ins Gewicht fallende operative Tätigkeit agieren;
  2. Formell dient diese Grenze der Verwaltungsvereinfachung.

Die von Rössler/Troll in Erwägung gezogene Übergangsregelung für den Grenzbereich kann deshalb nicht befürwortet werden.

 

Rz. 701

Bei der Anteilsbewertung einer Holdinggesellschaft, die neben der Verwaltung der Beteiligungen den Beteiligungsgesellschaften auch Darlehen aus Mitteln zur Verfügung stellt, die der Holdinggesellschaft aus Gewinnausschüttungen der Beteiligungsgesellschaften zugeflossen sind, hatte das FG Düsseldorf den ungekürzten Vermögenswert gemäß Abschn. 11 Abs. 1 VStR 1995 zugrunde gelegt. Der BFH hob dieses Urteil auf und verwies die Sache zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zurück, weil die Anteile zu Unrecht nach der für reine Holdinggesellschaften geltenden Regelung des Abschn. 11 Abs. 1 VStR 1995 (entspricht R 103 Abs. 1 ErbStR 1999/2003) bewertet worden seien. Bei der Schätzung des gemeinen Werts der Anteile an einer Holding-Kapitalgesellschaft nach dem Stuttgarter Verfahren dürften die Ertragsaussichten zur Vermeidung eines Kaskadeneffekts nur dann außer Betracht bleiben, wenn das Rohbetriebsvermögen der zu bewertenden Gesellschaft seinerseits in weit überwiegendem Umfang aus Anteilen an Kapitalgesellschaften besteht. Im Entscheidungsfall lag der Anteil der Beteiligungen am Rohbetriebsvermögen der Holdinggesellschaft jedoch unter 50 %. Unerheblich war es für den BFH, dass zusätzlich hohe Darlehensforderungen gegen Tochtergesellschaften bestanden.

 

Rz. 702

Das FA behandelte die GmbH als Holdinggesellschaft und schätzte dementsprechend den gemeinen Wert, ohne die Ertragsaussichten zu berücksichtigen. Die GmbH vertrat demgegenüber die Auffassung, die GmbH könne nicht als Holdinggesellschaft angesehen werden, weil ihr Rohvermögen nicht zu mehr als 75 % aus Anteilen an Kapitalgesellschaften bestehe. Im entschiedenen Fall war nicht streitig, ob eine Abweichung von den Regelungen des Stuttgarter Verfahrens geboten ist. Vielmehr war fraglich, welche der im Rahmen des Stuttgarter Verfahrens vorgesehenen Regelungen zur sachgerechten Bewertung der Anteile an Gesellschaften mit Beteiligungsbesitz im Streitfall anzuwenden ist. Bei der Bewertung von Anteilen an einer Holdinggesellschaft werden die Ertragsaussichten deshalb außer Ansatz gelassen, weil im Vermögenswert der Holdinggesellschaft die gemeinen Werte der Beteiligungsgesellschaften enthalten sind. Diese sind ihrerseits unter Berücksichtigung des Vermögens und der Ertragsaussichten der Untergesellschaften geschätzt worden. Würde der gemeine Wert der Anteile an der Holdinggesellschaft nach der Regelbewertung geschätzt werden, würden die Ertragsaussichten der Untergesellschaften über den Ansatz der von ihr ausgeschütteten Dividenden bei der Ermittlung des Ertragshundertsatzes der Holdinggesellschaft nochmals werterhöhend erfasst. Dies entspräche einer Doppelerfassung, die sich bei mehrstufigen Beteiligungsketten sogar noch weiter multiplizieren würde. Dieser Kaskadeneffekt soll durch die Außerachtlassung der Ertragsaussichten vermieden werden. Dadurch wird erreicht, dass sich die Ertragsaussichten der Untergesellschaft bei der Schätzung des gemeinen Werts der Holdinggesellschaft genau einmal auswirken.

 

Rz. 703

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