Preißer/Rödl/Seltenreich, E... / 1.2 Nationales Erbrecht
 

Rz. 4

Der Erblasser, der seine Nachfolge nicht in einer Verfügung von Todes wegen geregelt hat, wird von seinen Verwandten und dem überlebenden Ehegatten beerbt. Die gesetzlichen Erben sind dabei in vier Ordnungen eingeteilt, die sich nach einem dem deutschen Recht entsprechenden Parentelsystem bestimmen (§ 731 ABGB). Sind Angehörige einer niedrigeren Ordnung vorhanden, werden sämtliche Verwandte der höheren Ordnungen vom Erbrecht ausgeschlossen. Es gilt das Eintrittsrecht der Abkömmlinge vorverstorbener gesetzlicher Erben. Zur ersten Erbordnung gehören die Abkömmlinge, während die Eltern des Erblassers samt deren Nachkommen zur zweiten Linie zählen. Die Großeltern und deren Abkömmlinge bilden die dritte Ordnung. Hinterlässt der Erblasser keine gesetzlichen Erben, fällt der Nachlass dem Land Liechtenstein zu.

 

Rz. 5

Das Erbrecht des überlebenden Ehegatten ist vom Vorhandensein sonstiger gesetzlicher Erben abhängig. Neben Kindern des Erblassers und deren Abkömmlingen erhält der Ehegatte die Hälfte des Nachlasses. Hinterlässt der Erblasser nur Eltern (samt deren Abkömmlingen) oder Großeltern, steht dem Ehegatten eine Quote von 2/3 zu. Sind keine der genannten gesetzlichen Erben vorhanden, wird der überlebende Ehegatte Alleinerbe. Über diese Erbquoten hinaus erhält der Ehegatte als gesetzliches Vorausvermächtnis ein Wohnrecht in der gemeinsamen Ehewohnung und die zum Haushalt gehörenden beweglichen Sachen (§ 758 ABGB).

 

Rz. 6

Das liechtensteinische Recht kennt sowohl einseitige als auch mehrseitige Verfügungen von Todes wegen. Der Erblasser kann somit die Nachfolge in sein Vermögen entweder durch ein Einzeltestament oder mittels eines gemeinschaftlichen Testaments oder Erbvertrags regeln. Auch das liechtensteinische Recht unterscheidet dabei zwischen Testament und Kodizill (§ 553 ABGB). Während eine testamentarische Verfügung stets eine Erbeinsetzung enthält, werden in einem Kodizill lediglich andere Anordnungen, wie z. B. Vermächtnisse, getroffen.

 

Rz. 7

Der Erblasser kann die Zuwendung von Erbteilen und Vermächtnissen mit Auflagen, Bedingungen und Befristungen verbinden. Darüber hinaus ist auch die Bestimmung von Vor- und Nacherben bzw. Ersatzerben zulässig. Familienfideikommisse, bei denen das Vermögen auf Dauer nur Familienangehörigen als Nacherben erhalten bleiben soll, sind nicht möglich. Die Nacherbschaft kann sich nur auf das vom Erblasser stammende Vermögen beziehen, nicht aber auf den ganzen Nachlass des Vorerben.

 

Rz. 8

Der Erblasser hat die Möglichkeit, eine Vertrauensperson, nämlich den Testamentsvollstrecker mit der Vollziehung seines letzten Willens zu beauftragen. Die diesbezügliche Anordnung unterliegt den Voraussetzungen einer Verfügung von Todes wegen. Dem Testamentsvollstrecker (Exekutor) kommt neben der gerichtlichen Nachlassverwaltung eine verhältnismäßig geringe Bedeutung zu. Ihm obliegt es, die Anordnungen des Erblassers selbst zu vollziehen oder die säumigen Erben hierzu anzuhalten.

 

Rz. 9

Die Testierfähigkeit wird mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres erlangt (§ 569 ABGB). Minderjährige Personen zwischen 14 und 18 Jahren können allerdings vor Gericht ein mündliches Testament errichten.

 

Rz. 10

In Liechtenstein sind vier unterschiedliche Testamentsformen vorgesehen. Die Voraussetzungen des eigenhändigen Testaments (§ 578 ABGB) entsprechen denen des deutschen Rechts weitgehend. Die Anforderungen an die Angabe von Ort und Datum der Errichtung sind weniger streng. Der Testator kann außerdem ein schriftliches Zeugentestament errichten, in dem er die von einem Dritten niedergeschriebene Urkunde vor drei Zeugen unterzeichnet (§ 579 ABGB). Ein öffentliches Testament kann entweder schriftlich oder mündlich errichtet werden. Der Erblasser übergibt dabei vor Zeugen einem Notar die von ihm selbst niedergeschriebene Verfügung oder er unterzeichnet den vom Notar protokollierten letzten Willen. Schließlich ist auch ein mündliches Testament möglich, bei dem der Verfügende seinen Willen vor Zeugen erklärt.

 

Rz. 11

In Liechtenstein sind die nahen Angehörigen des Erblassers dem deutschen Recht entsprechend durch einen Geldanspruch gegen die Erben abgesichert. Pflichtteilsberechtigt sind nur der überlebende Ehegatte, die Nachkommen des Erblassers und, sofern keine Nachkommen vorhanden sind, seine Vorfahren. Der Pflichtteil eines Ehegatten und der Kinder beträgt die Hälfte ihres gesetzlichen Erbteils. Die Vorfahren des Verstorbenen erhalten 1/3 ihrer gesetzlichen Erbquote. Wenn kein gewöhnliches Näheverhältnis in der Familie besteht, ist der Erblasser berechtigt, den Pflichtteil der Abkömmlinge und Vorfahren durch letztwillige Verfügung um die Hälfte zu reduzieren (§ 773a ABGB).

 

Rz. 12

Die Miterben werden in Anbetracht ihres gemeinschaftlichen Erbrechts für eine Person angesehen (§ 550 ABGB). Es handelt sich dabei grundsätzlich um eine Miteigentumsgemeinschaft, die allerdings starke Gemeinsamkeiten mit der Bruchteilsgemeinschaft aufweist. Mit der sog. Einantwortung werden die Miterben Miteigentümer der Nachlas...

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