06.09.2011 | Kanzlei & Co.

Insolvenz: Frühes Handeln erhöht Chance auf Neuanfang

Der Insolvenzantrag wird oft erst als allerletztes Mittel angesehen. Doch das ist zu kurz gedacht. Die professionelle Unterstützung eines Insolvenzverwalters kann viele Chancen eröffnen, ergibt eine Studie der Euler Hermes Kreditversicherung und der Universität Mannheim.

Insolvenz bedeutet nicht immer "Abwicklung"

Ein weit verbreitetes Vorurteil sieht Insolvenzverwalter als "Abwickler" von chancenlosen Unternehmen. Dieses Image ist mittlerweile aber überholt. Die 1999 in Kraft getretene Insolvenzordnung schafft viel mehr Spielraum. Insolvenzanträge können bereits bei drohender Zahlungsfähigkeit gestellt werden, also sehr früh. Das Ziel ist denkbar einfach: Unternehmer und Insolvenzverwalter sollten möglichst viel Zeit haben, den Betrieb wieder flott zu machen.

Insolvenzanträge werden häufig viel zu spät gestellt

Dem stimmen 72% der Insolvenzverwalter zu. Nur 5% sind der Meinung, dass die Insolvenzanträge zum frühestmöglichen Zeitpunkt gestellt werden. 23% sind immerhin halbwegs mit dem Zeitpunkt der Antragstellung zufrieden. Werden die Anträge zu spät gestellt, verstreicht wertvolle Zeit. Konsequenz: Die Zerschlagung des Unternehmens wird immer wahrscheinlicher.

Ein früher Insolvenzantrag erhöht die Chancen einer erfolgreichen Sanierung signifikant. Eine überwältigende Mehrheit von 96% der Insolvenzverwalter stimmt dem zu. Weitere Vorteile sind:

  • Es gäbe mehr Möglichkeiten, eine Liquiditätsverbesserung zu erreichen (86%)
  • Wichtige Kunden und Lieferanten würden durch frühzeitige Beteiligung motiviert, das Unternehmen zu unterstützen (73%)
  • Die Motivation der Mitarbeiter und eventuell des Betriebsrates, an der Sanierung mitzuwirken, wäre größer (65%)
  • Die Fronten wären weniger verhärtet und es wäre leichter, konstruktive Lösungen zu finden (63%)
  • Die Geschäftsführung bekäme frische Anregungen von außen (58%)

Auf den ersten Blick scheint ein früher Insolvenzantrag fast ein Allheilmittel für bedrohte Unternehmen zu sein. Soviel zur Theorie. In der Praxis lassen sich natürlich nicht alle Hoffnungen erfüllen. Dies gestehen auch die Insolvenzverwalter ein und beurteilen rückblickend einige Chancen durchaus kritisch.

Langes Zögern hat oft keine rationalen Gründe

Mangelnde Kenntnis der Gesetzeslage ist nur sehr selten der Hauptgrund für einen späten Insolvenzantrag. Persönliche Abwehrstrategien und falscher Stolz sind viel größere Hindernisse auf dem Weg zu einer strukturierten Sanierung. Die drei häufigsten Motive für langes Zögern sind:

  1. die Hoffnung, dass es irgendwann wieder bergauf gehen wird (96%)
  2. die Angst vor dem sich Bloßstellen im Bekanntenkreis und der Branche (95%)
  3. die Einstufung der Situation als Krise, aber nicht als Insolvenz (88%)

Natürlich ist es für die Betroffenen nicht einfach, sich emotional von der Situation zu lösen. Gerade Geschäftsführer in kleinen und mittleren Betrieben agieren als Allround-Talente und haben sehr viel in ihr Lebenswerk investiert. Ein Insolvenzverwalter drückte es so aus: "Der Unternehmer hat alles Geld in die Firma gesteckt, bis zum letzten Hemd, und erst dann Insolvenz beantragt."

Typische Insolvenzfälle: Wer ist am häufigsten betroffen?

Erfahrende Insolvenzverwalter kümmern sich häufig um Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 50 Millionen Euro. Das Gros liegt auf Firmen mit einem Umsatz von einer bis fünf Millionen Euro. Die meisten haben zehn bis 50 Mitarbeiter und sind inhabergeführt. Charakteristisch für aktuelle Insolvenzfälle sind z.B. "jüngere" Dienstleistungsunternehmen und "alte2 Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe.

Oft gibt es mehr als nur eine Ursache für eine Insolvenz. Ein ganzes Bündel an Ursachen, die zusammenhängen, ist die häufigere Variante. Daher ist es wichtig, sich über alle Indikatoren einer Insolvenz stets bewusst zu sein diese möglichst rational abzuwägen.

Grundlage

Die Studie "Ursachen von Insolvenzen" befragte über 120 Insolvenzverwalter nach ihren Erfahrungen in Insolvenzverfahren. Die Euler Hermes Kreditversicherung und das Zentrum für Insolvenz und Sanierung an der Universität Mannheim e.V. haben die Befragung 2011 in Auftrag gegeben.

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