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E-Bilanz: Chance für eine buchhalterisch ermittelte Steuerbilanz

Ein Interview mit Professor Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender der Datev.

Mehr Zeit bekommen Unternehmen bei der verpflichtenden Einführung der E-Bilanz. Am 1.7.2011 hat das BMF einen überarbeiten Entwurf des Anwendungsschreibens zu § 5b EStG für eine Verbandsanhörung am 16.8.2011 verschickt. Dort findet sich eine Nichtbeanstandungsregelung für 2012. Demnach wird es nicht beanstandet, wenn Unternehmen für das Jahr 2012 Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung nicht in elektronischer, sondern in Papierform einreichen werden. Unternehmen haben mehr Zeit für notwendige Vorbereitungen. Und diese sollten insbesondere Personengesellschaften und Konzerne mit mehrstöckigen Strukturen nutzen, um den durchaus großen Erst- und Schulungsaufwand bewerkstelligen zu können, meint Professor Dieter Kempf. Der Vorstandsvorsitzende der Datev sieht jetzt auch den richtigen Zeitpunkt, um die Steuerbilanz buchhalterisch und zeitlich parallel zu ermitteln.

Redaktion: Sehr geehrter Herr Professor Kempf, wie verlief der Feldversuch der Datev bis zum 30.6.2011 zur elektronischen Übermittlung von Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung?

Kempf: Das wesentliche Ergebnis unseres Feldversuchs mit 34 freiwilligen Piloten im Rahmen der Pilotphase des BMF war, dass der große Aufwand bei der Einrichtung der Buchführung für Zwecke der E-Bilanz entsteht. Denn ein Standardkontenrahmen ist um über 200 Positionen zu erweitern. Außerdem gibt es einen enormen Schulungsaufwand für die Mitarbeiter im Rechnungswesen. Sie sind darauf zu trainieren, dass zukünftig Geschäftsvorfälle vorselektiert und bearbeitet werden - nach bestimmten E-Bilanz-spezifischen Kriterien.

Redaktion: Handelt es sich hier im Wesentlichen um Einmalaufwand?

Kempf: Ja, wenn die Mitarbeiter im Rechnungswesen nicht wechseln und die Art der Geschäftsvorfälle relativ stabil und gleich bleibt.

Redaktion: Warum verschiebt das BMF die flächendeckende Einführung der E-Bilanz nochmals um ein Jahr?

Kempf: In unserem Feldversuch waren vor allem geradlinig strukturierte mittelständische Unternehmen, die der E-Bilanz gegenüber wohlwollend bis neutral eingestellt sind. Das entspricht aber nicht dem Durchschnitt aller Unternehmen. Wenn wir komplexer strukturierte Personengesellschaften  und Konzerne betrachten, dann haben diese deutlich mehr Schwierigkeiten bei der Einführung der E-Bilanz.

Redaktion: Und dafür brauchen sie mehr Zeit?

Kempf: Insbesondere bei verschachtelten und mehrstöckigen Personengesellschaften ist die Erstellung von Sonder- und Ergänzungsbilanzen enorm aufwändig. Um zur Steuerbilanz zu gelangen ist es so wie beim Hausbau, man benötigt zunächst ein tragfähiges Fundament. Wo die Anwendung eines Standardkontenrahmens nicht möglich ist oder internationale Rechnungslegungsstandards wie IFRS oder US-GAAP angewendet werden, ist eine Umsetzung aufwändig.

Redaktion: Die Finanzverwaltung bekommt jetzt auch mehr Zeit. Ist diese erforderlich, um die endgültige Taxonomie auszuarbeiten?

Kempf: Es wäre gut, wenn das Bundesfinanzministerium über den Detailierungsgrad der Taxonomie nochmals nachdenken würde. So etwa über die Frage, ob nicht mehr Sammel- bzw. Auffangpositionen eingeführt werden könnten für Geschäftsvorfälle, die de facto nicht auftreten oder nur mit großem Aufwand differenziert zu buchen sind. Dann müsste man diese Felder nicht mitpflegen. Die Datev hat Vorschläge zur Ausgestaltung der Taxonomie vorgelegt. Ich hoffe, dass die von zahlreichen Seiten kommenden Hinweise in diese Richtung berücksichtigt werden, auch wenn die Finanzverwaltung möglichst wenig an den Strukturen ändern möchte.

Redaktion: Was bedeutet die Verschiebung um ein weiteres Jahr für die Steuerberatungspraxis? Bislang waren die meisten Unternehmen noch eher zögerlich bei der Umsetzung.

Kempf: Dem Steuerberater empfehlen wir, seine Mandanten intensiv anzusehen und zu strukturieren, welche Rechtsformen er als Mandanten hat. Die Personengesellschaften sind wegen der notwendigen Sonder- und Ergänzungsbilanzen aufwändiger. Im zweiten Schritt sollte er mit den jeweiligen Unternehmen die notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen besprechen. Wir sind Verfechter eines dualen Buchführungssystems. Geschäftsvorfälle sollten von vornherein bei der Buchung daraufhin identifiziert werden, ob sie hinsichtlich der E-Bilanz einer speziellen Behandlung bedürfen. Das ist besser als im Nachhinein. Wenn ich den 1.1.2013 als Beginn der E-Bilanz annehme, dann empfiehlt es sich schon frühzeitig damit zu beginnen.

Redaktion: Was empfehlen Sie konkret?

Kempf: Der Steuerberater sollte seinen größten und wichtigsten und damit sicherlich auch von der E-Bilanz  am meisten betroffenen Mandanten auswählen und mit diesen sofort beginnen. Auch auf die Gefahr, dass die Taxonomie doch noch verändert wird. Ich würde nicht warten wollen, bis das endgültige BMF-Schreiben da ist. Das Projekt sollte Chefsache des Steuerberaters sein. Ich würde als Basis die derzeit nach aktueller Pilot-Taxonomie neu einzurichtenden Konten antizipieren und für den konkreten Fall anpassen. So kann eine gute Abschätzung der notwendigen Vorbereitungen getroffen werden.

Redaktion: Was bringt die Einführung der E-Bilanz dem Mandanten?

Kempf: Mittelbar gibt es Vorteile. Die E-Bilanz ist eine zwingende Komponente im Risikomanagementsystem der steuerlichen Veranlagung. Wenn wir hierdurch zu einer schnelleren endgültigen Veranlagung kommen, dann liegt der Vorteil in der früher erreichten Rechtssicherheit bei der steuerlichen Gestaltung. Dann kann gezielter bei der Nachschau durch die Finanzverwaltung oder bei einer schnelleren Betriebsprüfung eine solche rechtssicher überprüft werden. Ein Steuerberater, der sich hier für seinen Mandanten bei der E-Bilanz engagiert, erfüllt damit den Anspruch stärker Gestaltungs- als Deklarationsberater zu sein.

Kempf: Hinzu kommt, dass der Mandant aufgrund der E-Bilanz zu seinem Glück gezwungen wird, durchgängige elektronische Prozesse im Rechnungswesen zu realisieren. Das birgt doch weitere Rationalisierungseffekte.

Kempf: Wir müssen sehen, dass das aktuelle Verfahren der Steuerdeklaration mit vielen händischen Maßnahmen erfolgt. Verbunden mit der Komplexität des Steuerrechts ist dies ein enormer Aufwand.

Redaktion: Die Einführung der E-Bilanz gilt aktuell nur für bilanzierende Unternehmen. Rechnen Sie mit einer Einführung auch für Freiberufler, die Einnahmenüberschussrechner?

Kempf: Ich bin mir relativ sicher, dass die Finanzverwaltung die Einnahmenüberschussrechner in absehbarer Zeit angehen wird. Das macht hinsichtlich des Aspekts einer risikomanagementorientierten Veranlagung auch Sinn. Allerdings muss man sehen, dass die derzeit erforderlichen Unterlagen für die Steuerdeklaration und die Anlage EÜR für solche Zwecke noch nicht ganz ausreichend sind. Vorschläge für die diesbezügliche Gestaltung würde ich jedoch lieber der Finanzverwaltung überlassen. 

Redaktion: Wie weit ist die Datev bei den Vorbereitungen für die E-Bilanz?

Kempf: Wir stehen Gewehr bei Fuß. Wir haben uns so vorbereitet, dass wir zum 1.1.2011 in der Lage gewesen wären, die Geschäftsvorfälle E-Bilanzkonform zu verarbeiten. So wie es ursprünglich vom BMF geplant war. Wenn die endgültigen Taxonomien bekannt sind, werden wir angepasste Standardkontenrahmen zur Verfügung stellen.

Redaktion: Wie lautet Ihr Fazit zum Projekt E-Bilanz?

Kempf: Eine andere Ausprägung der Taxonomie und die Beseitigung einiger handwerklich ungeschickter Regelungen, wie einige sprachliche Ungenauigkeiten und die Verpflichtung zur E-Bilanz in der Abgabenordnung statt – wie jetzt ­– im § 5b Einkommensteuergesetz zu regeln wären wünschenswert. Summarisch bleibt es ein positives Unterfangen, vor allem wenn die Mandanten schneller Rechtssicherheit erlangen.

Wir würden alle davon profitieren, wenn die Veranlagung schlanker werden würde. Wenn sich jedoch an der Frist der Rechtssicherheit nichts verändert, dann wäre es nicht einmal halb gesprungen. Denn dann würde die E-Bilanz nur Mehrarbeit bedeuten.

Ich bin der Meinung, dass im Zuge des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes der Anteil der Unternehmen, der es sich leisten kann, die Steuerbilanz nicht buchhalterisch und zeitlich nachgelagert zu entwickeln, deutlich zurückgehen wird.  Die Einführung der E-Bilanz könnte insofern der richtige Zeitpunkt sein, um auch die Steuerbilanz zeitlich parallel buchhalterisch zu ermitteln.

Dann hätten wir ein Zwei- oder Mehr-Kreissystem im Rechnungswesen, welches schon sehr nah an unserer Lösung wäre. Das ist dauerhaft einfacher, insbesondere für mehrstöckige Personengesellschaften, wo gegebenenfalls auch noch die Kommanditisten wechseln. Der Vorteil einer buchhalterischen Entwicklung liegt darin,

  • dass Sie Umkehreffekte wie zum Beispiel bei der Auflösung von Rückstellungen in Folgejahren, besser erfassen können.
  • Für jeden Rückstellungsgrund hätten Sie dann ein Konto zu führen.
  • Diese buchhalterische Sicht ist viel transparenter.
  • In einem Excel-Sheet hätten Sie eine Fülle an Rückrechnungen.
  • Für Zwecke der Betriebsprüfung ist hingegen eine Mehr-oder-Weniger-Rechnung in einer Einperiodenbetrachtung weiterhin ausreichend.  

Redaktion: Vielen Dank, Herr Professor Kempf, für das Gespräch.

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