Umstrukturierung mittels An... / 2. Anwachsung als Umstrukturierungsinstrument

Die Anwachsung ist eine besondere Art des Vermögensübergangs.

Austritt von Gesellschaftern bis auf einen: "Technisch" erfolgt die Anwachsung durch Austritt von Gesellschaftern aus einer Personengesellschaft, bis nur noch ein Gesellschafter verbleibt. Da zivilrechtlich eine Personengesellschaft mit nur einem Gesellschafter nicht denkbar ist, geht in diesem Moment das Vermögen der Personengesellschaft im Wege der Gesamtrechtsnachfolge

  • auf den letztverbliebenen Gesellschafter über und
  • die Personengesellschaft erlischt ohne Liquidation.

Rechtsgrundlage ist § 738 Abs. 1 S. 1 BGB.

Rechtsfolgen treten ohne weiteres Zutun ein: Neben dem Austritt des oder der Gesellschafter bedarf es insoweit keines zivilrechtlichen Beschlusses. Vielmehr treten die geschilderten Rechtsfolgen ohne weiteres Zutun ein. Insbesondere sind keine weiteren zivilrechtlichen Restriktionen zu beachten, so dass z.B. auch eine Verschmelzung auf eine GbR oder eine Stiftung erfolgen kann, was nach den UmwG nicht möglich ist. Die Umstrukturierung mittels Anwachsung ist mithin ein vom Ablauf her unkomplizierter und kostengünstiger Weg.[1]

 

Beraterhinweis

Eine wesentliche Restriktion besteht allerdings darin, dass eine rückwirkende Umstrukturierung, wie dies nach den Regeln des UmwG/UmwStG regelmäßig möglich ist, bei der Anwachsung nicht eröffnet ist. Die Anwachsung ist ein Realakt, der durch den Gesellschafteraustritt wirksam wird und nicht – auch nicht mittels schuldrechtlicher Vereinbarung – zurückbezogen werden kann.[2]Beachten Sie: Allerdings kann in der Praxis hinsichtlich der handels- und steuerlichen Rechnungslegung dadurch eine Vereinfachung der Abläufe erreicht werden, dass

  • der Austritt zu einem regulären Bilanzstichtag erfolgt und
  • damit keine separaten Gewinnermittlungen bzw. Buchwertermittlungen erforderlich sind.[3]

Beachten Sie: Einer teilweise vorgeschlagenen – quasi rückwirkenden – Anwachsung durch umwandlungsrechtlich zulässige rückwirkende Verschmelzung der Anteilseigner der Personengesellschaft, so dass nur noch ein Gesellschafter verbleibt, folgt der HFA des IDW nicht.[4]

Mittels Anwachsung können insbesondere folgende Umstrukturierungen erreicht werden:[5]

  • Formwechsel GmbH & Co. KG in GmbH: In der typischen GmbH & Co. KG – wenn also zwischen KG und Komplementär-GmbH Gesellschafteridentität besteht – kann ein Formwechsel der operativen KG dadurch erfolgen, dass alle Kommanditisten aus der KG ausscheiden mit der Folge, dass alle Aktiva und Passiva der Komplementär-GmbH anwachsen.[6]Beachten Sie: Dabei wird aus steuerlichen Gründen regelmäßig das sog. erweiterte Anwachsungsmodell zum Einsatz kommen, um den Anwendungsbereich des § 20 UmwStG mit der Möglichkeit der Buchwertfortführung zu eröffnen.[7]
  • Aufwärtsverschmelzung auf den Gesellschafter: Ist eine GmbH & Co. KG in eine Unternehmensgruppe eingebunden, so kann deren Geschäftsbetrieb auf die (allein beteiligte) Muttergesellschaft übertragen werden – und zwar dadurch, dass der Komplementär aus der KG ausscheidet und damit das Vermögen der KG der Muttergesellschaft als einzig verbleibendem Gesellschafter anwächst.[8]
  • Verschmelzung auf nach dem UmwG nicht aufnahmefähigen Rechtsträger: Entsprechend dem Vorgenannten kann auch eine Verschmelzung auf einen Rechtsträger erfolgen, der nicht als aufnahmefähiger Rechtsträger nach dem UmwG gilt, wie z.B. eine GbR oder eine Stiftung.[9] Nicht zuletzt können Anwachsungsmodelle auch bei Kapitalgesellschaften genutzt werden, wenn diese in einem ersten Schritt formwechselnd in eine Personengesellschaft umgewandelt werden.[10] Ebenso dürfte auch die Übertragung des Betriebs einer kommunalen GmbH & Co. KG auf den Gesellschafter, also die juristische Person des öffentlichen Rechts mittels Anwachsung möglich sein.
[1] Nur Stümper, GmbHR 2010, 129 m.w.N.; Winter, Beratungspraxis GmbH & Co. KG, 2017, Rz. A 127.
[2] IDW RS HFA 42 (Stand: 29.10.2012), Tz. 95. Ebenso: BMF v. 11.11.2011 – IV C 2 - S 1978 - b/08/10001 – DOK 2011/0903665 (UmwStE 2011), BStBl. I 2011, 1314 Rz. 24.06 = GmbH-StB 2012, 44.
[3] Vgl. Bilitewski/Roß/Weiser, WPg 2014, 13 unter 8.2.
[4] IDW RS HFA 42 (Stand: 29.10.2012), Tz. 95.
[5] Vgl. Ley, kösdi 2018, 20750 (20751). Zum Vergleich der Umstrukturierung mittels Anwachsung mit anderen Umstrukturierungsinstrumenten nur: v. Proff, DStR 2016, 2227 (2230 f.).
[6] Hierzu ausführlich: Schaaf/Hannweber, GmbH-StB 2017, 315 und Schaaf/Hannweber, GmbH-StB 2017, 180.
[7] Hierzu nur Dremel in Hesselmann/Tillmann/Mueller-Thuns, Handbuch GmbH & Co. KG, 2. Aufl. 2016, 1126 ff.; Lohr, GmbH-StB 2017, 92 mit Musterformulierung.
[8] Zu den steuerlichen Auswirkungen: nur aktuell Ley, kösdi 2018, 20750.
[9] Vgl. Marsch-Barner in Kallmeyer, 6. Aufl. 2017, § 3 Rz. 2.
[10] Hierzu z.B. Heckschen in Widmann/Mayer, UmwR, § 1 UmwG Rz. 368.2 (Sep. 2008).

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