31.05.2012 | Kinder- und Jugendhilfe

Keine Entwarnung bei Gewalt gegen Kinder

Kriminalstatistik stimmt nachdenklich: Ist der Kinder- und Jugendschutz reformbedürftig?
Bild: Haufe Online Redaktion

Die Deutsche Kinderhilfe hat am 29.5.2012 die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik 2011 zu kindlichen Gewaltopfern vorgestellt. Die Bilanz ist erschreckend.

In der Bundespressekonferenz erläuterte der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke, dass im Jahr 2011 146 Kinder getötet und weitere 72 Kinder Opfer eines versuchten Mordes oder Totschlags wurden. Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fälle körperlicher Misshandlung von Kindern sind im vergangenen Jahr um 6% von 4.367 auf 4.096 gesunken. Ein Anstieg um 4,8% auf 12.444 Fälle ist bei sexuellem Missbrauch von Kindern sowie bei Besitz/Verschaffen von Kinderpornographie um 23% auf 3.896 Fälle zu verzeichnen. Hinzu kommt, dass in den Bereichen Kindesmisshandlung, Missbrauch von Kindern und Kinderpornographie von einem großen Dunkelfeld ausgegangen werden muss.

"Täglich 11 misshandelte und 39 sexuell missbrauchte Kinder sowie 17 Fälle der Kinderpornographie sind eine erschreckende Bilanz. Jeder einzelne Fall, jedes betroffene Kind ist eines zu viel. Der Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch darf angesichts der zunehmenden Digitalisierung und Internationalisierung der Tatbegehung nicht auf rechtliche oder nationale Grenzen stoßen. Unser Ziel muss es sein, Gewalt und Misshandlungen an Kindern frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Neben einer konsequenten Strafverfolgung auf nationaler und internationaler Ebene sind daher auch die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gefordert", so Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes.

Finanzlage der Kommune bestimmt Arbeitsweise der Jugendämter

Nach wie vor werden in Deutschland durchschnittlich jede Woche 3 Kinder getötet. Hieran wird deutlich, dass das Jugendhilfesystem nicht in der Lage ist, Kinder ausreichend zu schützen. Ohne einheitliche Fach- und Diagnosestandards, eine aktive und verbindliche Einbindung von Schulen und Kinderärzten in die Jugendhilfe wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Da 600 Jugendämter unterschiedlich arbeiten und ihre finanzielle Ausstattung von der Kassenlage der jeweiligen Kommune abhängt, sind die Überlebenschancen eines Kindes je nach Wohnort unterschiedlich.

Jugendhilfesystem schützt Kinder nicht ausreichend

"Die tragischen und vermeidbaren Todesfälle von Chantal in Hamburg und Zoe in Berlin zu Beginn dieses Jahres sind keine bedauerlichen Einzelfälle. Sie stehen stellvertretend für die zu vielen Kinder, die im Jugendhilfesystem zu Tode kommen. Da die Politik beim Bundeskinderschutzgesetz den Finanzinteressen der Länder und Kommunen sowie den Systemschützern der Verbände nachgegeben hat, besteht die Strukturkrise weiter – wie hoch der Preis ist, belegen die heute vorgestellten Zahlen", so Georg Ehrmann, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe.

Sexueller Missbrauch nimmt zu - mit hoher Dunkelziffer

Alarmierend auch, dass nach den großen Missbrauchsskandalen des Jahres 2010 die Zahlen im Bereich sexueller Gewalt gegen Kinder weiter ansteigen. "Die deutlich höhere Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs ist eines der bedrückendsten Ergebnisse. Ohne verstärkte Präventionsarbeit sind jedoch keine Erfolge zu erzielen. Weder der runde Tisch noch der Gesetzgeber konnten sich dazu durchringen, für ehrenamtliche Trainer und Betreuer ein erweitertes Führungszeugnis einzuführen, Anbieter von Ferienfreizeiten haben kein Pflicht, qualifiziertes Personal einzusetzen und immer wieder erleben wir in der Praxis Jugendämter, Schulen und Vereine, die sich weigern mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten," so André Schulz, Vorsitzender des BDK.

Jugendhilfesystem muss reformiert werden

Auf ein „Weiter so“ bei den vielen kindlichen Opfern von Gewaltdelikten darf die Politik nicht setzen. Nur eine konsequente Reform des Jugendhilfesystems kann die heute vorgestellten Zahlen senken. Die Deutsche Kinderhilfe und der Bund Deutscher Kriminalbeamter haben mit zahlreichen Verbänden und Experten in einer Gemeinsamen Erklärung die Reformbedürftigkeit des Jugendhilfesystems festgestellt: Es bedarf eines klaren gesellschaftlichen Signals für mehr Kinderschutz in Deutschland.

Schlagworte zum Thema:  Missbrauch, Sexueller Missbrauch, Jugendamt

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