03.05.2013 | Serie Volkskrankheiten

Das Kreuz mit dem Kreuz

Serienelemente
Ein gesunder trainierter Rücken kennt keine Rückenschmerzen.
Bild: Project Photos GmbH & Co. KG

Millionen Deutsche kennen sie: Rückenschmerzen. Sie sind das Volksleiden schlechthin. Sind sie da, helfen im Akutfall Massagen, Spritzen oder Akupunktur. Besser ist es, mit Sport und vielseitiger Bewegung vorzubeugen.

Die Wirbelsäule ist einer der am stärksten belasteten Körperteile des Menschen und Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Krankheiten. Bis zu 85 % der Deutschen hat laut Robert-Koch-Institut mindestens einmal im Leben Rückenschmerzen. Die Krankenkassen nennen Bandscheibenvorfälle, Hexenschuss und Schmerzen im Rücken als häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit.

Zahl der (jungen) Rückenschmerzpatienten steigt seit Jahren

«Die Ursachen sind bei fast allen Betroffenen gleich: zu wenig Bewegung, untrainierte Muskeln, Stress und andere psychische Belastungen», sagt Prof. Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln. Das gilt auch schon für Jugendliche, Berufseinsteiger und sogar Kinder. Schmerzen im Kreuz sind kein Wunder, meint Froböse. Denn Kinder legen im Schnitt nur noch 900 Meter am Tag zu Fuß zurück, sitzen jedoch 4  Stunden vor Computer oder Fernseher. Rückenschmerzen sind also kein Altersproblem aufgrund der unvermeidlichen Verschleißerscheinungen.

Unser Rücken - eine Problemzone?

Durch den modernen Lebensstil wurde der Rücken zur Problemzone. Denn das Arbeitsleben wird überwiegend auf dem Bürostuhl verbracht. Wer daneben keinen Sport treibt und einige Kilos zuviel hat, mutet dem eigenen Körper viel zu. Der Rücken mit seinen Muskeln, Sehnen, Bändern, Bandscheiben und 24 beweglichen Wirbelknochen braucht vielfältige Bewegung und Belastung. Wird er unterfordert, verkümmern wesentliche Teile des Halteapparats. Was der schmerzhafte Folgen für den Betroffenen hat.

Bewegung hilft

Gehen, laufen, bücken, drehen, recken, dehnen tun dem Körper in jedem Alter gut. «Turne bis zur Urne», rät der Rückenexperte und Autor Prof. Dietrich Grönemeyer von der Universität Witten-Herdecke. Jede Gelegenheit zur Bewegung sollte genutzt werden:

  • Treppen steigen statt Aufzug,
  • Auto stehen lassen und Fahrrad fahren und
  • in der Freizeit Sport treiben.

So lassen sich viele Schmerzattacken verhindern.

Rückenschmerzen: ein Warnsignal des Körpers

Rückenschmerzen können rein körperliche Ursachen haben, wie z. B. Verschleißerscheinungen der Bandscheiben, Knochenschwächen oder zu schwache Muskulatur. Die Ursachen können aber auch psychosomatisch sein: Stress und Kummer zeigen sich in Verspannungen, die das Zusammenspiel von Wirbelsäule und stützenden Muskeln stören.

Diagnosestellung oft schwierig

Für die Ärzte ist die Diagnose von Rückenschmerzen häufig ein Problem. Röntgenbilder helfen meist nicht weiter, wenn die Psyche mitspielt. Nur 10 bis 20 % der Rückenschmerzen sind durch eine strukturelle körperliche Ursache nachzuweisen, schätzt Prof. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Daher sollten alle Faktoren geprüft werden, die zu Rückenschmerzen führen können. Hierzu zählen emotionale, soziale und verhaltensbedingte Aspekte wie

  • Stress,
  • Depressionen,
  • Belastungen am Arbeitsplatz und
  • Beziehungsprobleme.

Was hilft im Akutfall?

Bei akuten Schmerzen können einfache Mittel wie Wärmflasche und Schmerzmittel schnelle Hilfe bringen. In unkomplizierten Fällen lassen die Schmerzen ohnehin nach ein paar Tagen wieder nach. Bis zu 90 % aller Rückenschmerzen verschwinden innerhalb von 6 Wochen wieder – unabhängig von der Behandlung. Statt Ruhe und Schonung empfehlen Mediziner meist, die Wirbelsäule samt Muskeln, Bändern und Gelenken zu bewegen.

Was der Arzt tun kann

Ärzte verschrieben häufig Massagen, Krankengymnastik, Spritzen oder Medikamente. Bewährt hat sich auch Akupunktur, die laut Studien erfolgreicher als herkömmliche Methoden ist. Rückenschmerzpatienten sollten verschiedene Angebote nutzen. Grönemeyer rät: «Der Patient muss auch eigenverantwortlich seine Möglichkeiten nutzen, um muskuläre Verspannungen zu lösen. Also nicht zur Ruhe kommen, sondern sich wirklich bewegen, sich dehnen und Körperwahrnehmung schaffen.»

Von übereilten Operationen wird abgeraten

Nach Bandscheiben-OPs kehren die Probleme bei vielen Patienten später wieder zurück, so der Münchner Rückenspezialist Martin Marianowicz. Er hat 12.000 Patienten mit Bandscheibenschäden behandelt und festgestellt, dass 80 % der Operationen überflüssig sind. Trotz Ärzte-Odyssee fänden viele Patienten die eigentliche Ursache ihrer Rückenschmerzen nicht.

Laut Marianowicz sind die wichtigsten Verbündeten bei der Behandlung die Zeit und die Natur, denn 90 % aller Bandscheibenvorfälle heilten folgenlos ab. «Wir raten Patienten deshalb grundsätzlich zum Einholen einer Zweitmeinung von einem Spezialisten, um unnötige Operationen zu vermeiden.»

Schlagworte zum Thema:  Rückenschmerzen, Arbeitsunfähigkeit, Volkskrankheit, Vorsorge

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