24.05.2013 | Serie Volkskrankheiten

Depression – die unterschätzte Krankheit

Serienelemente
Depression: Wenn das Leben nur noch grau in grau erscheint.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Depressionskranke leiden meist sehr unter ihren Gefühlen. Die Gedanken kreisen um absolute Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens. Depressionen werden häufig übersehen. Sind sie diagnostiziert, gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten.

Es gibt keine Emotionen, alles scheint grau, jede Bewegung kostet unheimliche Überwindung, Körper und Herz sind taub. Von Depressionen Betroffene kennen diese Symptome. Bei Norbert Sobiejewski, inzwischen über 60 Jahre alt, fing es im Alter von 13 Jahren an. Mit 16 ertränkte er den Schmerz mit Alkohol. Als er 40 war wurde erstmals ein Depression diagnostiziert.

Jeder 5. Bundesbürger erkrankt nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe einmal im Leben an einer Depression. Insgesamt leiden in Deutschland derzeit etwa 4 Mio. Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Für manche Menschen verläuft sie tödlich: Sie nehmen sich das Leben.

Depressionen bleiben häufig unerkannt

Die Depression ist eine der bedeutendsten Krankheiten weltweit und wird trotzdem immer noch unterschätzt. Gerade bei alten Menschen wird die Krankheit oft nicht erkannt, sie leben zurückgezogen und fallen zum Beispiel nicht durch Leistungsabfall im Beruf auf. Menschen, die wegen Depression behandelt werden, sind meistens jünger. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Depression ist mehr als Traurigkeit

Eine Depression ist das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit und dem Gedanken, dass sich dieser Zustand niemals bessern wird. Die Gefühle sind wie betäubt. Depressive interessieren sich kaum noch für etwas, sind außerdem nervös, ängstlich und angespannt. Hobbys, Arbeit, manchmal sogar Familie und Freunde scheinen völlig bedeutungslos. Gelegentlich treten körperliche Schmerzen auf, für die der Arzt keine physische Ursache findet. Bis zu 70 % der Patienten mit Depression gehen nur wegen körperlicher Symptome zum Hausarzt, schätzt Prof. Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe.

Diagnose und Behandlung

Betroffene sollten mit dem Arzt auch über Gefühle zu reden und den Verdacht auf eine Depression ansprechen. Eine Depression ist anfangs leicht zu übersehen.

Betroffene können unter großer Anstrengung noch richtig „funktionieren“. Schwer Depressive hören irgendwann auf, sich selbst zu versorgen, essen und trinken nicht mehr. Wird die Depression so stark oder kommen Selbsttötungsgedanken auf, hilft zunächst nur eine stationäre Behandlung. Bei leichteren Formen der Depression sind Psychotherapie und eventuell Medikamente Mittel der Wahl.

Medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung

Bewährt hat sich eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine interpersonelle Psychotherapie in Verbindung mit Antidepressiva. Die Medikamente behandeln die körperliche Seite der Depression: Sie wirken auf Botenstoffe im Gehirn, die neben äußeren Umständen ebenfalls für Depressionen verantwortlich sind. Abhängig machten Antidepressiva nicht, betont Hegerl.

Die Therapie behandelt die psychosoziale Seite der Krankheit. Sie hilft

  • Konflikte zu lösen,
  • die Kommunikation mit anderen zu verbessern,
  • Stress zu bewältigen,
  • mit der Depression umzugehen,
  • den Beginn neuer Depressionsschübe zu erkennen und entsprechend entgegenzuwirken.

Ambulante Therapie

Droht keine akute Gefahr für den Patienten, ist die Behandlung ambulant möglich. «Prinzipiell wissen wir, dass es depressiven Menschen gut tut, eher in ihrem System mit Arbeit, Beziehung und Hobbys zu bleiben», sagt Nico Niedermeier, niedergelassener Psychotherapeut in München. Auch Schlafentzug kann helfen, weil Schlaf oft depressionsverstärkend wirkt.

Selbsthilfegruppen unterstützen Betroffene und Angehörige

Auch Familie und Freunde leiden mit. Häufig wissen Angehörige nicht, wie sie mit dem Kranken umgehen sollen, verstehen die Depression nicht. Deswegen rät Niedermeier allen Angehörigen depressiver Patienten: «Holen Sie sich selbst Hilfe.» Im Internet oder in Selbsthilfegruppen können sich Angehörige austauschen.

Selbsthilfegruppen helfen Depressionserkrankten mit der Angst vor dem Stigma einer psychischen Erkrankung umzugehen. Betroffene treffen dort auf Menschen, die das Problem kennen und verstehen. Der Austausch kann außerdem helfen, die Angst vor Gesprächen mit Angehörigen, Freunden oder dem Chef zu nehmen und Lösungen aufzeigen.

Mit der Krankheit leben lernen

Norbert Sobiejewski hat selbst in Lüneburg 2 Selbsthilfegruppen gegründet. Dort rät er anderen Betroffenen zum Beispiel, dass es wichtig ist, sich für jeden kleinen Erfolg selbst zu belohnen und sich nicht unter Druck zu setzen. Der 64-Jährige weiß, wie es ist, mit der Krankheit zu leben. Eine Gesprächstherapie hat ihm geholfen, damit umzugehen. Doch noch immer hat er Suizidgedanken. Er sagt aber: «Heute kann ich mir Hilfe holen, wenn ich in ein Loch falle.» Und mit Hilfe von Therapeuten und anderen Betroffenen findet er aus dem Loch auch wieder heraus.

Schlagworte zum Thema:  Volkskrankheit, Selbsthilfe, Psychotherapie, Depression

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