30.01.2013 | Studie

Der schnelle Griff zur Pille für die neue "Generation ADHS"

Wilde Kerle und brave Mädchen? Jungs erkranken häufiger an ADHS.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Überwiegend Jungen bekommen Ritalin - und ihre Zahl steigt stetig an. Steht uns eine "Generation ADHS" bevor?

Viele Jungen werden von ihrer Umgebung als zu wild, zu laut, zu ungeduldig und zu aggressiv wahrgenommen. Sie werden von Lehrern und Eltern oft als störend empfunden. Aber sind sie auch krank? Für immer mehr Kinder und Jugendliche wird die ärztliche Diagnose: ADHS - Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung gestellt.

Jeder 4. Junge hat ADHS

In den vergangenen Jahren war laut Barmer-GEK-Arztreport 2013 insgesamt ein Viertel der männlichen Kinder und Jugendlichen zumindest einmal mit einer solchen Diagnose konfrontiert. Viele bekommen Psychopharmaka, obwohl diese vorwiegend auf Symptome, nicht aber auf Ursachen abzielen.

«Wir haben hier amerikanische Verhältnisse», sagt der Chef des Hannoveraner Forschungsinstituts Iseg, Friedrich Wilhelm Schwartz, das die Studie erstellt hatte.

Der Druck wächst - Mittel der Wahl ist oft Psychopharmaka

Früher habe ADHS als in den USA besonders verbreitet gegolten - heute habe Deutschland nachgezogen. «Jeder erfahrene Vater oder Pädagoge weiß, dass Jungs ein lebhafteres Bewegungsbild haben», meint er. Doch in der Schule gebe es dann oft Probleme. Der Druck, den sich auch die Eltern ausgesetzt sähen, wachse. Schwartz glaubt nicht, dass Ritalin oder andere Psychopharmaka auf Kassenkosten dann tatsächlich oft Mittel der Wahl sind. «Ist es wirklich die Aufgabe einer Krankenkasse, Kinder vorübergehend ruhigzustellen?»

Fast doppelt so viele Jungen wie Mädchen betroffen

Allein im Jahr 2011 hatten 750.000 Menschen die Diagnose ADHS - ein Plus von 49 % in 5 Jahren. Bekamen 2006 noch 32.000 der 10- bis 14-Jährigen Ritalin verordnet, waren es 5 Jahre später bereits 42.000. Von 2006 bis 2011 war der Geburtsjahrgang 2000 am stärksten betroffen - mit mehr als 19 % der in dem Jahr geborenen Jungen. Die Forscher rechneten ihre Daten weiter hoch - und kamen zu einem Ergebnis, das überrascht: Bei 25 % der männlichen Jugendlichen bis zur Vollendung des 22. Lebensjahres wurde mindestens einmal ADHS diagnostiziert. Bei den Mädchen und jungen Frauen waren es 10 %.

Soziales Umfeld entscheidend

Überproportional betroffen sind nach Angaben der Forscher Kinder besonders junger Eltern, Kinder von Eltern mit geringerem Bildungsniveau - und Kinder von Geringverdienern. «In bildungsnahen Haushalten wird darüber eher kritisch nachgedacht», meint Schwartz.

Nicht in allen Regionen wird gleich oft ADHS diagnostiziert und Ritalin gegeben

In keiner Region gebe es so hohe Diagnose- und Verordnungsraten wie in Unterfranken - im Raum Würzburg. In den anderen Regionen Deutschlands bekamen 4 von 1.000 Menschen 2011 mindestens einmal Ritalin - in Unterfranken waren es 8,4 von 1000. 18,8 % der Jungen zwischen 10 und 12 bekamen hier das Mittel, in den übrigen Regionen nur 11,3 %. Für Barmer-GEK-Vize Rolf-Ulrich Schlenker ist Würzburg sogar die «Welthauptstadt» bei ADHS. «Letztlich bleiben die Ursachen etwas im Dunkeln», sagt er. Doch Schlenker verweist darauf, dass es hier besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater gebe - und einen Forschungsschwerpunkt ADHS an der Uniklinik.

Insgesamt gibt es 13 Kreise in Deutschland mit auffällig hohen Diagnoseraten. 6 davon sind in Unterfranken, Mannheim ist betroffen, 3 Kreise liegen aber zum Beispiel auch in Teilen von Rheinland-Pfalz. Schwartz meint: Hier gebe es wohl besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater.

Schlagworte zum Thema:  Studie, ADHS

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