22.10.2012 | Schutzimpfung

Engpass bei der Grippe-Impfung

Heiße Diskussionen um Grippe-Impfung und fehlenden Impfstoff.
Bild: Haufe Online Redaktion

Ärzte, Krankenkassen und Politiker raten zur Impfung gegen die Grippe - doch jetzt gibt es für viele erst einmal keinen Impfstoff. Hinter den Kulissen ist deswegen eine Schlammschlacht entbrannt.

Von einem ungemütlichen Szenario ist derzeit bei Gesundheitspolitikern die Rede. Die Grippewelle könnte in diesem Winter besonders heftig über Deutschland hinwegrollen - und es könnten Menschen sterben, die sich eigentlich schützen wollten, aber es wegen eines Versagens im System nicht konnten. Der Ärger ist groß - und hinter den Kulissen tobt heftiger Streit.

Prekäre Lage in einzelnen Bundesländern

Derzeit fehlt nämlich in einigen Regionen Impfstoff. Dabei sollte es genug geben, 16 Influenza-Impfstoffe sind offiziell in dieser Saison zugelassen. Betroffen sind Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg.

Alarm geschlagen haben diese Woche Bayerns Hausärzte - trotz Zusagen der Krankenkassen sei mitten in der Impfsaison noch kaum Impfstoff angekommen. «Ich kann nicht mal alle chronisch Kranken impfen», schimpft der Chef des Hausärzteverbandes Bayern, Dieter Geis.

Die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, Monika Schliffke, sagt: «Es ist noch keineswegs sicher, dass unsere Ärzte genügend Menge für alle impfwilligen Versicherten erhalten.» Ein wenig scheine sich die Lage allerdings schon zu entspannen.

Warum der Engpass?

Die Kassen können per Ausschreibung den günstigsten Anbieter aussuchen. In den betroffenen Regionen kam Novartis zum Zug - doch Anfang Oktober teilte die Firma mit, den fraglichen Impfstoff Begripal vorerst nicht liefern zu können.

Wer ist verantwortlich?

«Generell ist die Herstellung von Grippeimpfstoffen im Gegensatz zu vielen anderen Medikamenten ein komplexer biologischer Prozess, der jährlichen Schwankungen unterliegt», sagt der Sprecher der Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH, Volker Husslein. Beim Bundesgesundheitsministerium heißt es: «Die Krankenkassen haben den Auftrag, die Durchführung von Schutzimpfungen sicherzustellen.»

Ist der Spardruck der Kassen Schuld?

Die Versicherungen wollen sich natürlich nicht vorwerfen lassen, auf Kosten der Patienten zu sparen. Keine Probleme werden gemeldet aus den Ländern ganz ohne Ausschreibungen oder mit Verträgen mit anderen Herstellern. Aus Kassenkreisen kommt der Vorwurf an Novartis, Lieferausfälle zu lange verschwiegen zu haben. Dort heißt es: «In Fachkreisen wird angenommen, dass Novartis seine Impfstoffe zunächst dorthin liefert, wo die Firma den höchsten Gewinn erzielen kann.» Derlei Vorwürfe weist die Firma freilich strikt zurück.

Kassen würden auch Alternativ-Impfstoff zahlen - aber es gibt keinen

Tatsächlich stellten es die Kassen den Ärzten bereits frei, nun doch andere Impfstoffe zu nehmen. Doch auch da gibt es Probleme. Wie es aus der AOK heißt, hat die Novartis-Konkurrenz keine weiteren Impfstoffvorräte aufgebaut.
Ein Ersatzimpfstoff - Optaflu von Novartis - kam zudem wegen angeblich potenzieller Krebsgefahr ins Gerede. Gewarnt hat davor Wolfgang Becker-Brüser, Chef des kritischen Arznei-Telegramms. Einige Arztpraxen haben Optaflu wegen Bedenken schon zurückgeschickt - das zuständige Paul-Ehrlich-Institut betont hingegen, der Ersatzstoff sei mit dem eigentlich eingeplanten Serum vergleichbar.

Gibt es nun bald genug Impfstoff?

Genaues weiß man nicht - Novartis teilt mit, man prüfe alle rechtlichen Optionen. «Nichtsdestotrotz ist es unsere oberste und wichtigste Priorität, Grippeimpfstoffe an unsere Kunden zu liefern.»

Die Impfung muss rechtzeitig erfolgen

Rund 2 Wochen dauert es, bis nach dem Impfen der Schutz einsetzt. Wenn also wirklich ab Dezember eine schlimme Grippesaison beginnt, müssten vor allem Chroniker und Senioren rechtzeitig vorher einen Piekser bekommen. Selbst das Ausmaß der Grippewelle ist aber umstritten: Der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Peter Wutzler, warnt vor einer harten Saison - das Robert Koch-Institut betont, man könne es noch nicht sagen.

Konkurrierende Ziele: Therapiefreiheit, Sparzwänge und höhere Impfquote

Was folgt nun aus dem ganzen Hickhack? Die Ärzte wollen künftig wieder die Freiheit, ein Serum zu nehmen, das sie wollen. Die Kassen wollen ihre Sparmöglichkeiten behalten. Und die Koalition? Ihr passt der Wirbel ums Impfen überhaupt nicht. «Bei Impfstoffen müssen wir das Instrument der Ausschreibungen überprüfen», sagt CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Schließlich sollen die Impfquoten generell steigen. «Das sollte ein zentraler Teil unserer Neuregelungen bei der Prävention sein.»

Schlagworte zum Thema:  Impfung, Prävention, Ausschreibung, Impfstoff

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