24.04.2013 | Serie Volkskrankheiten

Neue Volkskrankheiten oder Modetrends?

Serienelemente
Depression - Modeerkrankung oder Volkskrankheit?
Bild: Haufe Online Redaktion

Bluthochdruck, Diabetes oder Rückenerkrankungen sind als Volkskrankheiten bekannt. Als "neue Volksleiden" gelten inzwischen ADHS, Depressionen oder Burn-out. Zum Start der 6-teiligen Serie klären wir zunächst: Was sind eigentlich Volkskrankheiten?

Egal ob ADHS oder stressbedingter Burn-out: Wenn Krankenkassen aufgrund solcher Diagnosen steigende Ausgaben oder Krankheitstage melden, ist rasch von einer "neuen Volkskrankheit" die Rede. Das trifft nicht immer zu. Denn steigende Krankheitstage bedeuten nicht automatisch mehr Kranke. Es können auch weniger Menschen öfter krank sein. Oder z. B. psychische Beschwerden werden häufiger diagnostiziert, weil Ärzte und Patienten neuerdings trauen, die Ursachen beim Namen zu nennen.

Begriff Volkskrankheit

"Der Begriff Volkskrankheit ist keine medizinische Fachsprache", sagt Prof. Joachim Kugler von der Technischen Universität Dresden. Er sei nicht klar definiert. Grundsätzlich seien jedoch von einer Volkskrankheit sehr viele Menschen in einem Land betroffen. So unterscheiden sich Volkskrankheiten deutlich von seltenen Erkrankungen (Orphan Diseases), an denen nur etwa 1.000 Patienten in der Bevölkerung leiden.

Was ist eine Krankheit?

Die Definition der Krankenkassen ist einfach: Als Krankheit gilt, was einen sogenannten ICD-10-Schlüssel hat. ICD-10 ist die von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegebene internationale Klassifikation der Krankheiten. Ärzte nutzen diesen Schlüssel vor allem, um ihre Diagnosen mit den Kassen abzurechnen. So hat jedoch Burnout hat keinen ICD-10-Schlüssel.

Abgrenzung Volkskrankheit und Zivilisationskrankheit

Bei einer Zivilisationskrankheit werde ein gewisses "Selbst schuld"-Prinzip unterstellt, sagt Ursula Marschall, Leitende Medizinerin der Barmer GEK. Mitschuld habe der Patient z. B. bei ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel. Das betreffe vor allem Menschen in Industrienationen, während die Bevölkerung in Entwicklungsländern eher an Armutserkrankungen wie Tuberkulose oder Lepra leide. "Der Begriff Zivilisationskrankheit impliziert, dass die Erkrankung durch den Lebensstil, die Kultur, die Gesellschaft mitverursacht ist", fügt Kugler hinzu.

Gesunde Lebensweise beugt Krankheiten vor

"Viele Zivilisationskrankheiten sind inzwischen auch Volkskrankheiten, aber nicht alle. Allerdings geht das Hand in Hand", erläutert Kugler. Es gebe Schätzungen, wonach die Hälfte aller Todesfälle in Deutschland auf vermeidbaren Risiken beruhen, die z. B. durch zu wenig Sport oder zu kalorienreiches Essen entstehen.

Adipositas (Fettleibigkeit) ist unbestritten eine Krankheit. Aber ist sie eine Zivilisations- oder bereits eine Volkskrankheit? In jedem Fall ist Adipositas einer der Hauptrisikofaktoren für Volkskrankheiten wie Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Diabetes.

Psychische Erkrankungen sind "in Mode"

Der Anstieg bestimmter Krankheitszahlen oder Symptome (ver)führe dazu, von Volkskrankheiten zu sprechen, sagt Marschall mit Blick auf die Daten der Krankenkassen, z. B. den Barmer GEK-Arztreport. Wie auch Kugler gibt sie zu bedenken, dass es sich um Abrechnungs- und keine medizinischen Daten handele. "Es sollte immer unterschieden werden: Steigt tatsächlich die Zahl der Patienten oder verändert sich lediglich das Bewusstsein?", betont sie.

Psychische Erkrankungen etwa seien inzwischen salonfähig geworden. Ärzte rechneten nicht mehr nur allein Rückenschmerzen ab, sondern codierten häufiger eine psychische Erkrankung dazu.

Depression - (k)eine Volkskrankheit?

Die Diagnose Depression führt zu immer mehr Klinikaufenthalten und Fehlzeiten. Betroffen sei aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Diese Patienten seien jedoch sehr lange oder mehrfach im Jahr arbeitsunfähig. Auf verhältnismäßig wenig Menschen entfallen dann sehr viele Fehltage, so dass diese Diagnose inzwischen an der Spitze der Krankschreibungsgründe steht. "Ich würde davon Abstand nehmen, Depressionen als Volkskrankheit zu bezeichnen, weil es einfach nicht so viele Betroffene gibt", erklärt sie. Kugler spricht in diesem Zusammenhang auch lieber von "Modeerkrankungen", die früher stigmatisiert waren und zunehmend an Akzeptanz gewinnen.

Schlagworte zum Thema:  Volkskrankheit, Depression, Krankheit, Burn-out-Syndrom

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