27.01.2012 | Leistungen Sozialversicherung

Kinderarmut auf dem Rückzug

Es ist ein Lichtblick. Mehr aber auch nicht, sagen Experten. Sie warnen davor, das Problem der Kinderarmut schön zu reden. Fest steht aber: Die Zahl der Kinder, die auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind, ist deutlich zurückgegangen.

Für Ursula von der Leyen ist es ein gutes Zeichen: "Die Kinderarmut sinkt", sagt die Bundesarbeitsministerin - und freut sich an den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Die weisen eine deutlich gesunkene Zahl an Kindern im Hartz-IV-System aus. So bezogen im September 2006 noch 1,9 Mio. Kinder unter 15 Jahren Hartz-IV-Leistungen, genau 5 Jahre später waren es noch knapp 1,64 Mio. - ein Rückgang um etwa 257.000 oder 13,5 %.

 

Eltern schaffen den Absprung aus Hartz-IV nur selten

Was auf den ersten Blick so positiv wirkt, relativiert sich aber, wenn man die offizielle Arbeitslosenstatistik mit der Entwicklung bei den Langzeitarbeitslosen und den Hartz-IV-Kindern vergleicht. So ging die Zahl der Arbeitssuchenden in jenem Zeitraum immerhin um 34 % zurück, also um gut ein Drittel. Bei den erwerbsfähigen Hartz-IV-Beziehern lässt sich aus den BA-Zahlen zwischen September 2006 und September 2011 nur ein Minus von knapp 16 % herauslesen.

Dies zeigt: Der Rückgang bei den Hartz-IV-Beziehern fiel deutlich schwächer aus als jener bei der allgemeinen Arbeitslosigkeit. Der Rückgang bei den Hartz-IV-Kindern war - mit minus 13,5 - noch einmal schwächer. Die Sprösslinge kommen jedenfalls nur dann aus dem Hartz-System heraus, wenn dies auch die langzeitarbeitslosen Eltern schaffen. Hartz-IV-Bezieher gelten häufig aber als schwer vermittelbar.

Nach Hartz-IV kommt meist ein niedrigbezahlter Job

Erst in dem nach der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 einsetzenden Beschäftigungsboom fielen auch Jobs für sie ab. Wenn auch meist schlecht bezahlte. Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach ist dies das eigentliche Problem: Zwar sei die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher erfreulicherweise gesunken: Dafür gebe es aber inzwischen 45 % mehr "arbeitende Arme" als 5 Jahre zuvor, kritisiert sie. CDU-Politikerin von der Leyen kontert: "Arbeit ist für Eltern immer besser als Arbeitslosigkeit."

Insgesamt leben weniger Kinder in Deutschland

Mit besonderem Argwohn reagierte der Deutsche Kinderschutzbund auf die am 26.1.2012 bekannt gewordenen Erfolgszahlen. Er meldete massive Zweifel daran an. "Seit dem Jahr 2006 gibt es fast 750.000 Kinder unter 15 Jahren weniger in unserem Land. Wenn es also immer weniger Kinder gibt, so ist es keine Überraschung, dass in absoluten Zahlen betrachtet auch immer weniger Kinder von Sozialleistungen leben", gab Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers zu bedenken.

Und er macht im gleichen Atemzug eine ganz andere Rechnung auf: Die Quote der Kinder, die von Hartz IV leben, sei zwischen September 2006 und September 2011 um lediglich 1,5 Prozentpunkte gesunken. Seien 2006 noch 16,6 % der Kinder unter 15 Jahren hilfebedürftig gewesen, so seien es nach aktuellsten Erhebungen immerhin noch 15,1 %. Der Kinderschutzbund hält deshalb die Berichterstattung über die angeblich so positive Entwicklung für irritierend, da sie den Rückgang der Kinderarmut stark überzeichne.

Besserer Familienlastenausgleich erforderlich

Sollten die grundsätzlichen Probleme aus dem Niedriglohnsektor und dem "ungerechten Familienleistungsausgleich" nicht gelöst werden, rechnet Hilgers mittelfristig wieder mit zunehmender Kinderarmut. "Betrachtet man alle Kinder und Jugendliche aus Familien, die Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Kinderzuschlag, Wohngeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen, so ist von über 2,4 Mio. Kindern in Armut auszugehen." Das entspricht übrigens ziemlich genau der Zahl bedürftiger Kinder, für die vor Jahresfrist das «Bildungs- und Teilhabepaket» im Rahmen des Hartz-IV-Umbaus geschnürt wurde.

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