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Familienpolitik: Wie stoppt man die sinkende Geburtenrate?

Haben viele Bürger trotz der Familienförderung ein zu geringes Nettoeinkommen, um sich Kinder noch leisten zu können? Ein neuer OECD-Report sucht ländervergleichend nach Ursachen.

Nur jeder zweite Deutsche sieht heute in eigenen Kindern eine Voraussetzung für Lebensglück - fanden die Forscher von Allensbach jüngst heraus. In "daily soaps" kommen Familien mit mehreren Kindern höchstens noch als Exoten vor. Wer mehr als zwei Kinder hat, bekommt in Deutschland kaum noch eine bezahlbare Mietswohnung - oder gilt gar als asozial. In jedem Fall kann man sich nach breiter gesellschaftlicher Auffassung heute kaum noch Kinder leisten. Sie erhöhen ja bekanntlich das Armutsrisiko. Sonntagsreden der jungen Familienministerin können über die Realität in diesem Land nicht hinwegtäuschen: Die Politik braucht einen sehr langen Atem, wenn sie mit Familienförderung die Geburtenrate wieder in die Höhe treiben will. Vielleicht hätte sich auch 20 Jahre früher mit ihren Maßnahmen beginnen sollen. Anders gefragt: Kann die Politik das Blatt nun überhaupt noch wenden?

Geburtenrate reicher Industrienationen geht weiter in den Keller

Nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen anderen westlichen Industrienationen tendieren die Geburtenziffern seit Jahren nach unten. Sorgen um den Fachkräftenachwuchs und um die Zukunft der Sozialsysteme sind die Folgen. Doch es geht auch anders: In Frankreich und Skandinavien, wo man schon vor Jahrzehnten eine intensivere Familienförderung startete, gehen die Geburtenraten langsam aber kontinuierlich wieder in die Höhe. Allerdings zu einem hohen Preis. Die staatlichen Ausgaben in diesen Ländern sind nicht gerade niedrig, einschließlich der öffentlichen Schuldenquote. Doch wer langfristig denkt, kommt wohl zu dem Schluss, dass hinsichtlich der langfristigen Folgen sinkender Geburtenquoten dennoch kaum ein anderer Ausweg bleibt.

Familienbericht der OECD: "Nur frühe Hilfen sind sehr effizient"

Die Ursache der Probleme bzw. deren Lösung wird nicht nur in Deutschland händeringend gesucht. "Wie man Familien besser fördert" überschreibt nun die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris jetzt ihren ersten Familienbericht. Auf knapp 300 Seiten und mit vielen Tabellen wird darin die Förderung und Lebenssituation von Eltern in den 33 wichtigsten Industrienationen analysiert. Fazit: "Je früher der Staat in Familien mit Kindern investiert, desto effizienter ist die Hilfe." Gezielte vorschulische Förderung wirke sich positiv auf Lernfähigkeiten und soziales Verhalten aus. Frühe finanzielle Unterstützung der Kinder mindere zudem soziale Ungleichheit - und mehre damit den Nutzen der Gesellschaft.

Nur Italien, Spanien und Russland liegen noch hinter Deutschland

Der Bericht dokumentiert, wie unterschiedlich die Industrienationen die Familienförderung angehen - und wie verschieden auch die Erfolge dabei sind. Das "europäische Familienmusterland" Frankreich glänzt inzwischen wieder mit einer Geburtenrate von 1,9 Kindern pro Frau. Schweden, Norwegen und Dänemark folgen mit 1,8, die Niederlande kommt immerhin auf 1,7. Deutschland liegt hingegen mit 1,36 um einiges darunter. Von den OECD-Staaten haben nur Italien, Spanien und Russland eine noch geringere Geburtenrate als Deutschland.

Kontext zwischen Frauenbeschäftigungsquote und Geburtenrate?

In Skandinavien sind schon seit den 70er Jahren bezahlter Elternurlaub, Arbeitsplatzgarantie und bezuschusste Betreuung der Kleinkinder wie der Schüler garantiert. Das noch vielfach gehegte Vorurteil, dass eine lange akademische Ausbildung und eine hohe Beschäftigungsquote der Frauen zu einer niedrigen Geburtenrate führt, wird von den nordischen Ländern mit ihrer Förderpolitik widerlegt. Doch liegt es wirklich allein an der Förderung? Scheinbar ist es heute mehr denn je eine Frage des Geldes, ob man sich Kinder noch leisten kann bzw. will. So mancher finanziert seinen Kinderwunsch dadurch, dass beide Elternteile trotz Nachwuchs arbeiten gehen müssen.

Im Gegenzug verweisen die Familienforscher darauf, dass eine niedrige Frauenerwerbsquote auch nicht automatisch zu mehr Geburten führt. So halten sich die Frauen in Griechenland, Italien, Japan und Polen trotz niedriger Beschäftigungsraten beim Kinderkriegen auffällig zurück. Zu den Gründen sagt die OECD aber nichts. Hier dürfte es fast immer am zu niedrigen Nettoeinkommen der betreffenden Familien liegen - so dass man sich Kinder kaum leisten kann.

Deutsche Familienförderung: Besserverdienende werden bevorzugt

Auch in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren in Sachen Familienförderung viel getan. Das von der großen Koalition eingeführte Elterngeld erfreut sich regen Zuspruchs. Ab 2013 gilt ein Rechtsanspruch auch auf Kleinkinderbetreuung. Und auch finanziell können sich die deutschen Familienleistungen im internationalen Vergleich sehen lassen.

Doch während andere Nationen stärker direkt in Betreuung und Bildung investieren, setzt Deutschland mit seiner Familienförderung viel mehr als andere auf das Steuersystem - insbesondere auf die Kinderfreibeträge bei der Einkommenssteuer. Das begünstigt natürlich Besserverdienende. Während Eltern mit kleinem oder geringem Einkommen nur pauschal das Kindergeld in Höhe von 184 EUR monatlich erhalten, schlägt bei Eltern mit Spitzensteuersatz die Vergünstigung durch den Kinderfreibetrag monatlich gleich mit knapp 300 EUR pro Kind zu Buche.

Mehr Kinder? Oft scheitert es am Nettoeinkommen einer Familie

Interessant ist der Vergleich und die Deutung der OECD sicher. Ob sie die tatsächlichen Ursachen des Problems in Deutschland herausstellt, das sei dahingestellt.

Kritiker der deutschen Familienpolitik deuten die Ursachen des Problems auf ihre Weise: Man könne sich zumindest in Deutschland noch am ehesten Kinder leisten, wenn beide Elternteile gut verdienen - und beide möglichst schnell wieder arbeiten gehen. Bekomme aber eine Frau, die nicht einer externen Berufstätigkeit nachgeht bzw. nachgehen möchte, ein Kind, bekomme sie vom Füllhorn der deutschen Familienförderung vergleichsweise sehr wenig ab. Solche Mütter würden gar als "Heimchen am Herd" diskriminiert. Bei nicht so begüterten Familien, und dort wo die Mutter sich selbst um den Nachwuchs kümmern möchte, komme da oft nur wenig Mut und Optimismus auf, sich noch für ein weiteres Kind zu entscheiden.

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