11.01.2012 | Leistungen Sozialversicherung

EU-Vergleich: Arbeitslosen in Deutschland droht oft Armut

In Deutschland ist die Arbeitslosenquote zwar auf den niedrigsten Stand seit dem Mauerfall. Doch wer keinen Job hat, muss stärker den Absturz in Armut fürchten als anderswo, besagen EU-Zahlen.

In Deutschland sind arbeitslose Menschen deutlich öfter nahe der Armutsgrenze als in anderen Ländern Europas. Nach neuen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat waren zuletzt 70 % der Erwerbslosen hierzulande armutsgefährdet. Im EU-Durchschnitt waren es dagegen lediglich 45 % laut einem Zeitungsbericht v. 10.1.2012.

Wer gilt als armutsgefährdet?

Als armutsgefährdet gelten Menschen, die weniger als 60 % des mittleren nationalen Einkommens zur Verfügung haben. In Deutschland lag die Schwelle für Alleinstehende zuletzt bei 940 EUR im Monat. Die EU-Daten wurden 2010 erhoben. Eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums sagte, das beste Mittel gegen Armut sei Arbeit. Deshalb sei es Ziel der Regierung, die Zahl der Erwerbstätigen weiter zu erhöhen.

Vergleichweise kurze ALG-Bezugszeit in Deutschland

Den Grund für das höhere Armutsrisiko von Erwerbslosen in Deutschland sieht der Sozialstaatsforscher der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Eric Seils, in der relativ kurzen Bezugsdauer für das Arbeitslosengeld. Er plädiert dafür, dass auch unter 50-Jährige künftig länger als ein Jahr Arbeitslosengeld erhalten. In Dänemark gibt es das Arbeitslosengeld dem Bericht zufolge bis zu 208 Wochen, in Frankreich und den Niederlanden bis zu 104 Wochen.

Der Bundesverband Deutsche Tafel forderte, das Arbeitslosengeld armutsfest zu gestalten und die Bezugsdauer auszudehnen. Wer viele Jahre oder Jahrzehnte mit seinen Beiträgen andere unterstützt habe, müsse auch länger als ein Jahr Anspruch auf Leistungen der Solidargemeinschaft haben, meinte Verbandschef Gerd Häuser. Das Mindestarbeitslosengeld müsse "deutlich über dem Hartz-IV-Regelsatz liegen". Dieser beträgt derzeit 364 EUR monatlich.

Arbeitslosenversicherungspflicht ist Abzocke?!

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider sieht in den Eurostat-Zahlen "das Ergebnis grob fahrlässiger arbeitsmarktpolitischer Entscheidungen seit 2003". Angesichts des immer größeren Niedriglohnsektors sei ein armutsfestes Mindestarbeitslosengeld unverzichtbar. "Eine Pflichtversicherung, die nur in jedem 3. Schadensfall greift und auch dann nicht einmal zuverlässig vor Hartz IV schützt, wenn die Menschen jahrelang eingezahlt haben, grenzt an Abzocke", kritisierte Schneider.

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