08.05.2014 | Top-Thema eGK: Ein Blick auf die neue Versichertenkarte

Gegenwart und Zukunft der eGK

Kapitel
Online-Rollout-Stufen für eGK
Bild: Haufe Online Redaktion

Der Verwaltungsrat des GKV-SV bezifferte die allein seit 2008 aufgelaufenen Projektkosten zuletzt auf rund 800 Mio. EUR. Er moniert, die eGK würde bis dato weder einen messbaren Nutzen haben, noch sei eine interoperable Telematikinfrastruktur nutzenbringend etabliert.

Zweifellos ist dies so. Zwar ist die eGK grds. bereits in der Lage, verschiedene Anwendungen oder Funktionen zu unterstützen. Die dafür erforderliche Infrastruktur steht allerdings noch nicht zur Verfügung, sodass derzeit Gesundheitskarten in Arztpraxen online noch nicht aktualisiert werden können. Ein großes Ärgernis für die Krankenkassen, denn die Online-Aktualisierung birgt Kostenvorteile gegenüber einer Neuausgabe von Karten, z. B. bei Adressänderungen.
Auch die Anwendungen, bei denen es um das Management oder den Transport medizinischer Daten geht (z. B. Notfalldatenmanagement oder sichere Kommunikation der Leistungserbringer, s. u.), sind noch nicht nutzbar. Und so besteht der Vorteil der eGK aktuell lediglich im verbesserten Schutz vor Missbrauch, der durch das grundsätzlich abgedruckte Lichtbild erreicht wird.

Telematikinfrastruktur wird dringend benötigt

Aus Sicht der Krankenkassen können sich die eigentlichen Vorteile der eGK nur bei der Nutzung der Karte innerhalb der Telematikinfrastruktur ergeben. Nicht nur wegen der Online-Aktualisierung von Gesundheitskarten und den damit verbundenen Kostenvorteilen.
Wichtiger ist sicherlich, dass über diese Infrastruktur Anwendungen bereitgestellt werden können, die die Verfügbarkeit relevanter medizinischer Daten im Behandlungsprozess deutlich vereinfachen und beschleunigen können, z. B. durch die sichere adressierte Kommunikation der Leistungserbringer untereinander (s. u.). Gerade aus Gründen der Wirtschaftlichkeit ist es auch erforderlich, dass möglichst viele Anwendungen über dieses Netz realisiert werden. Andernfalls wären die Aktualisierung und Sperrung von Gesundheitskarten deren einziger Nutzen. Wichtig zwar, aber allein dafür viel zu teuer und überdimensioniert.

Tests stehen an

Doch langsam erscheint Licht am Horizont. Ende dieses Jahres stehen in den Testregionen Nordwest (Bochum/Essen in Nordrhein-Westfalen, Trier in Rheinland-Pfalz, Flensburg in Schleswig-Holstein) und Südost (Ingolstadt in Bayern, Löbau/Zittau in Sachsen) erste Tests an. Je Testregion sollen rund 500 Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten beteiligt werden. Zudem sollen jeweils 5 Krankenhäuser eingebunden werden.

Online-Rollout-Stufe 1

Im Online-Rollout-Stufe 1 (ORS1) werden zu Beginn 2 Punkte erprobt:

1. Bereitstellung der Telematikinfrastruktur (Basis-TI)
Die Telematikinfrastruktur stellt als Netzwerk zwischen den beteiligten Akteuren im Gesundheitswesen gewissermaßen die Plattform für alle weiteren geplanten Anwendungen und Dienste dar. Das Projekt wird gleichermaßen von dem GKV-SV und der KBV verantwortet.
2. Versichertenstammdatenmanagement (VSDM)
Die Bereitstellung der Versichertenstammdaten über die eGK ist aktuell bereits sichergestellt. Innerhalb von ORS1 sollen die Gültigkeit der Gesundheitskarten und die Aktualität der auf ihr gespeicherten Daten überprüft werden. Auch die Aktualisierung der Daten der Gesundheitskarte ist Gegenstand der Erprobung. Die Projektverantwortung obliegt dem GKV-SV.

Zu einem späteren Zeitpunkt, aber immer noch innerhalb der Stufe 1, sollen weitere Anwendungen hinzukommen:

  • Qualifizierte elektronische Signatur (QES)

Eine qualifizierte elektronische Signatur ist gewissermaßen das elektronische rechtsgültige Pendant einer handschriftlichen Unterschrift. Insbesondere seitens der Ärzteschaft besteht hieran ein großes Interesse, um elektronische Dokumente komfortabel signieren zu können. Daher geht es im Rahmen der Erprobung auch ausschließlich um die Nutzung der QES durch Leistungserbringer.

  • Adressierte Kommunikation Leistungserbringer (KOM-LE)

Hierbei handelt es sich um den sicheren Datenaustausch zwischen Ärzten auf elektronischem Wege, z. B. von Arztbriefen. Das Projekt wird durch die KBV verantwortet. Über die Aufnahme dieser Anwendung in den ORS1 hat die Gesellschafterversammlung der gematik allerdings noch nicht abschließend entschieden.

  • Bewertung der Testergebnisse

Damit die Tests zu aussagekräftigen Ergebnissen führen, sollen diese evaluiert werden. Neben vielen weiteren Punkten wird dabei insbesondere überprüft, ob das System insgesamt praxistauglich ist und wie die Telematikinfrastruktur und die über sie bereitgestellten Funktionen von Versicherten und Leistungserbringern akzeptiert wird. Die Funktionsfähigkeit des Systems und der sog. Fachanwendungen sowie die Einhaltung des Datenschutzes sind weitere wichtige Aspekte der Evaluation.

Online-Rollout-Stufe 2

Nach dem Abschluss des Online-Rollouts-Stufe 1 wird es weiter gehen. Folgende freiwillige Anwendungen sollen in der 2. Stufe des Online-Rollouts erprobt werden:

  • Notfalldatenmanagement (NFDM)

Hierbei handelt es sich um die Speicherung von Daten wie z. B. Blutgruppe, chronischen Erkrankungen und Medikamentenunverträglichkeiten. Diese Daten können Ärzten im Notfall schnell wichtige Informationen zum Patienten liefern. Projektverantwortlich ist die Bundesärztekammer (BÄK).

  • Migration von Gesundheitsdiensten in der Telematikinfrastruktur am Beispiel der elektronischen Fallakte

Aktuell bestehen bereits eine Vielzahl unterschiedlicher, oftmals regionaler Gesundheitsdienste. Diese nutzen bisher aber nicht die Telematikinfrastruktur. Gegenstand der Tests innerhalb des ORS2 wird es daher sein, einen Dienst, in diesem Fall die elektronische Fallakte, in die Telematikinfrastruktur zu integrieren bzw. diesen daran anzuschließen. Projektverantwortlich ist die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Über medizinische Fallakten können alle Dokumente gebündelt werden, die zu einem Behandlungsfall eines Patienten gehören. Hierdurch soll die Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor verbessert werden.

  • Bereitstellung patientenindividueller Daten zur Prüfung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS)

Ziel der Anwendung ist es zu verhindern, dass Patienten Medikamente verordnet werden, die bei gleichzeitiger Einnahme zu gefährlichen Wechselwirkungen führen können. Die fachliche Verantwortung liegt beim Deutschen Apothekerverband (DAV).

Was ist sonst noch geplant?

Neben den o. g. Anwendungen sind weitere geplant. Dazu zählen z. B.
• elektronische Verordnungen – hierbei handelt es sich um den Ersatz papiergebundener Verordnungen durch rein elektronische Verordnungsdatensätze;
• die elektronische Patientenakte – dies ist eine virtuelle Patientenakte, in der verschiedene Patientendaten wie Befunde, Diagnosen, Entlassungsberichte etc. abgelegt werden können. Ärzte können so schnell und unproblematisch auf viele Behandlungsdaten zurückgreifen, selbst dann, wenn diese nicht von ihnen erhoben wurden.
Neben weiteren Anwendungen soll auf der eGK auch die Möglichkeit realisiert werden, den Organspendeausweis zu hinterlegen. Auch soll die eGK künftig im Rahmen von Anwendungen des Gesetzes zur Förderung der elektronischen Verwaltung (eGovG) genutzt werden können.

Schlagworte zum Thema:  Telematikinfrastruktur, Elektronische Gesundheitskarte, Mitwirkungspflicht, EGK, Kostenerstattung, Krankenkasse

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