06.09.2012 | Behandlungsfehler

Pfusch am Patienten - Ärztefehler nehmen zu

Immer mehr ärztliche Behandlungsfehler werden festgestellt.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Macht ein Arzt einen Fehler, kann das weitreichende Folgen haben. Immer mehr betroffene Patienten wenden sich mit Klagen über Behandlungsfehler an die Krankenkassen. Und oft bekommen sie Recht.

Tödliches Versagen im OP, verkehrte Diagnose, falsche Pflege: Rund 6.400 Patienten wurden 2012 Opfer bestätigter Kunstfehler - Tendenz steigend. Allein die Krankenkassen stellten 4.068 Behandlungsfehler in Kliniken und Praxen fest. Daneben gäbe es eine hohe Dunkelziffer, vermutet der Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Diensts der Kassenspitzenverbands (MDS), Stefan Gronemeyer.

Verdachtsfälle steigen

Mit 12.686 Fällen begutachteten die Ärzte des Medizinischen Dienstes rund 1.500 Verdachtsfälle mehr als noch 2007. Fast in jedem 3. Fall stellten Gutachter einen Fehler fest. Unterm Strich wurde seit Jahren in jedem 4. Verdachtsfall ein Fehler als Ursache eines Schadens festgestellt. "Wir haben eine leichte Zunahme der Vorwürfe", sagte Gronemeyer am 5.9.2012 in Berlin. Denn immer mehr Patienten sind wachsam und misstrauisch gegenüber den Ärzten. Doch die Fehlerquote sei wohl nicht gestiegen.
Hinzu kommen jene Fälle, bei denen sich die Patienten an Gutachterstellen der Ärzte wenden. Diese stellten 2011 in 2.287 Fällen Ärztefehler fest. Dies ergibt in der Summe 6.355 festgestellte Behandlungsfehler.

Insgesamt beanstandeten nach Schätzungen rund 40.000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung bei Ärztestellen, Kassen oder direkt vor Gerichten. Zehntausende Menschen sterben wegen Fehlern jedes Jahr geschätzt in Deutschlands Kliniken.

Viele Fälle sind gravierend

Nach einer Gallenblasen-Operation hatte ein 67-Jähriger immer weiter Bauchschmerzen. Erst bei einer Not-OP entdeckten die Chirurgen einen Riss im Dickdarm - der Mann hatte beim 1. Eingriff einen ungesicherten Keil verschluckt, der Bisse in den Beatmungsschlauch verhindern sollte. "Der Patient ist an der Entzündung der Bauchhöhle verstorben", berichtete die Leitende Ärztin der bayerischen Kassenprüfer, Astrid Zobel. In anderen Fällen entdeckten die Gutachter, dass ein Fehler folgenlos war.

Auch negative Feststellungen helfen dem Patienten

"Auch mit der Feststellung, dass ein Schaden eine unvermeidbare Komplikation war, ist vielen Patienten geholfen", sagte Gronemeyer. Weiteres Grübeln hat dann immerhin ein Ende. Andernfalls gäben die Gutachten mehr Sicherheit, wenn sich Patienten auf oft jahrelange Gerichtsverfahren einlassen. Ausgestattet mit Kassengutachten gebe es in 4 von 5 Fällen Geld in einem Vergleich oder Schadenersatz.
Wo passieren die meisten Fehler?

Fast die Hälfte der Vorwürfe erhoben die Patienten mit 5.900 Fällen gegen Chirurgen. Am häufigsten bestätigt wurden Fehler laut Kassen-Bilanz jedoch in der Pflege, bei Frauen- und Zahnärzten - etwa wenn unter einer Plombe der Zahn fault. Da die Statistik aber nicht die jeweilige Behandlungszahl misst, bleibt unklar, bei welchen Ärzten das höchste Risiko liegt.
Kliniken sind mit 8.500 Vorwürfen weit häufiger betroffen als niedergelassene Ärzte mit 4.200. Nach Eingriffen wegen Knie- und Hüftgelenksarthrose beschwerten sich die meisten Patienten, gefolgt von Karies, Ober- und Unterschenkelbrüchen, Zahnnervenentzündungen und Druckgeschwüren.

Behandlungsqualität ist hoch

Die Zahlen geben aber kein Abbild der tatsächlichen Qualität in Klinik und Praxis. So ist die Innere Medizin mit rund 27 % bestätigten Fehlern vergleichsweise gering betroffen. "Patienten mit Bluthochdruck empfinden einen Herzinfarkt häufiger als schicksalhaft", sagte Zobel. Auf fehlerhafte Medikation etwa kämen die wenigsten.
Der Vorsitzende der zuständigen Kommissionen und Stellen der Ärzteschaft, Andreas Crusius, betonte: Angesichts von Millionen Klinik- und Praxisbehandlungen pro Jahr bewege sich die Fehlerzahl im Promillebereich.

Patientenrechtegesetz kommt

Von dem Patientenrechtegesetz der Koalition, das voraussichtlich Ende September erstmals und Ende November 2012 abschließend im Bundestag gelesen werden soll, erhoffen sich Kassen Verbesserungen. Patienten sollen dann stets verständlich und umfassend über Behandlungen und Diagnosen informiert werden. Bei groben Fehlern muss der Arzt beweisen, dass der Fehler nicht den Schaden verursacht hat.

Schlagworte zum Thema:  Behandlungsfehler, Patientenrechte, Patientenrechtegesetz, Kunstfehler

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