12.06.2013 | Arzneimittelstatistik

Ältere nehmen zu viele Pillen gleichzeitig

Ältere Menschen nehmen zu viele verschiedene Medikamente.
Bild: Haufe Online Redaktion

Ältere Menschen bekommen oft riskant viele Medikamente gleichzeitig verschrieben. Häufig werden 5 oder mehr verschiedene Mittel täglich eingenommen, deckt eine neue Studie auf. Mehr Überblick könnten elektronisch vernetzte Patientendaten liefern.

Zu viele Wirkstoffe gleichzeitig für ältere Menschen, zu viele Psychopillen für Kinder und zu viele Beruhigungsmittel für demente Senioren. Zu diesen alarmierenden Feststellungen kommt der Arzneimittelreport 2013 der BARMER GEK, der am 11.6.2013 in Berlin vorgestellt wurde.

Weniger Verordnungen durch mehr Telematik im Gesundheitswesen

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der BARMER GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker resümiert: „Hätten wir die elektronische Gesundheitskarte, das elektronische Rezept und die elektronische Patientenakte, hätten behandelnde Ärzte und auch Apotheker einen viel besseren Überblick über die Arzneimitteltherapie." Die riskante Multimedikation ließe sich durch elektronische Vernetzung viel besser steuern. Es müsse endlich Schluss sein mit der Blockadepolitik namhafter Ärztefunktionäre gegen eine moderne Telematik-Infrastruktur.

Wirkstoffcocktail für ältere Patienten 

Basierend auf Daten von 2,1 Mio. Versicherten über 65 Jahre haben die Autoren des Arzneimittelreports um den Bremer Versorgungsforscher Prof. Dr. Gerd Glaeske analysiert, wie häufig Patienten mehrere Arzneimittelwirkstoffe parallel verordnet bekommen. Dabei zeigte sich, dass ein Drittel der Versicherten von Polypharmazie betroffen ist, also täglich mehr als 5 Arzneimittelwirkstoffe einnimmt. Bei den Hochbetagten zwischen 80 und 94 Jahren ist fast jeder Zweite betroffen. Im Durchschnitt nehmen Männer über 65 Jahre täglich 7,3 Wirkstoffe ein, bei Frauen dieser Altersgruppe sind es 7,2.

Besorgniserregend: Verordnungszahlen von Antipsychotika für Kinder und Jugendliche

Von 2005 bis 2012 sind die Verschreibungen um 41 % gestiegen. Verursacht werden die Zuwächse vor allem durch neuere Präparate (+ 129 %).

Ein differenziertes Bild zeigt der Blick auf einzelne Altersgruppen:

  • Bei Kleinkindern bis 4 Jahren verschreiben Ärzte kaum noch Antipsychotika.

  • Bei allen anderen steigen die Verordnungszahlen, am stärksten bei den 10- bis 14-Jährigen.

„Eine medizinische Erklärung dafür lässt sich nicht direkt herleiten“, betont Glaeske. Weder zeigten Studien einen Anstieg psychiatrischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, noch hätten sich die relevanten Therapieempfehlungen geändert.

Beruhigungsmittel für Demenzkranke

Benzodiazepine sind Schlaf- und Beruhigungsmittel. Diese wurden 2010 rund 23.500 Versicherten der BARMER GEK verschrieben, zu 70 % an Frauen. „Das Risiko, Benzodiazepine verordnet zu bekommen, ist bei Menschen mit Demenz um das 1,5-fache erhöht“, so Glaeske. Mit dem Wirkstoff verbunden sei ein Verlust kognitiver Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Erinnerung oder Lernen. Viele ältere Menschen sind von Benzodiazepin-haltigen Arzneimitteln abhängig. Nach langjähriger Abhängigkeit könnte sich eher eine Demenz entwickeln als bei Menschen, die seltener solche Mittel eingenommen haben.

Kostenentwicklung bei Arzneimitteln eindämmen

Die Bundesregierung ist gefordert, die Ende 2013 auslaufenden Kostenbremsen um 5 Jahre zu verlängern. „Noch müssen wir auf die Einspareffekte durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz AMNOG von rund 2 Mrd. EUR warten. Bis das Gesetz richtig wirkt, brauchen wir flankierende Maßnahmen, nämlich eine Verlängerung des erhöhten Herstellerrabatts und des Preismoratoriums“, so Schlenker.

Ein solcher Schritt sei umso dringlicher, als die Bundesregierung überraschend beschlossen habe, die Kriterien für die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel wieder aufzuweichen. Damit würden sich auch die Preise für neue Arzneimittel erhöhen.

Schlagworte zum Thema:  Arzneimittel, Verschreibungspflichtige Arzneimittel, Elektronische Patientenakte, AMNOG

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