12.08.2011 | Wirtschaftsrecht

Urlaub auf der Baustelle: 60 % Minderung + Schadensersatz bei Hotel im Umbau

Urlaub auf dem Bauernhof mag ja angehen, aber Urlaub auf der Baustelle geht gar nicht. Das sah auch das LG Frankfurt und tröstete Lärmopfer mit 60 % Preisminderung zuzüglich 450 EUR Schadensersatz pro Person. Clevererweise hatten die Gäste nicht nur Zeugenaussagen, sondern auch Presslufthammer im Einsatz fotografiert.

Wird auf einem Hotelgelände täglich mit viel Lärm und Staub gebaut, haben Urlaubsgäste Anspruch auf Schadenersatz: Eine solche Unterkunft macht die gebuchte Reise schlicht mangelhaft.

 

Bitter: Mit dem Presslufthammer auf Du und Du

In dem fraglichen Fall hatten die Kläger Urlaub in einem Hotel gemacht, an dem täglich gebaut wurde, unter anderem mit Presslufthämmern. Sie mussten den Lärm und Staub der Arbeiten ertragen und konnten zudem den Pool kaum nutzen.

 

Baustellencharakter des Hotels

Weite Bereiche des Hotels waren mit Sichtschutzplanen abgehängt, um die Bauarbeiten dahinter zu verdecken. Außerdem mussten die Gäste in der teilweise offenen Bar statt im Speisesaal essen. Durch den Baustellencharakter des Hotels und die Verlegung des Speisesaals war die Reise so mangelhaft, dass die Urlauber 60 Prozent des Reisepreises zurückerhielten.

 

Beweismittel sichern: Presslufthammer im Einsatz

Durch Zeugenaussagen und aussagekräftige Lichtbilder wurde belegt, dass ganz erhebliche Bauarbeiten in dem gebuchten Hotel durchgeführt wurden. Es gelang auch, entgegen dem Vortrag der Beklagten, auf den vorgelegten Bildern den Einsatz lärmintensiver Baumaschinen zu belegen, etwa den Einsatz eines Presslufthammers.

 

Minderung um 60 % + Schadensersatz

Die Richter urteilten, dass eine Minderung des Reisepreises um 60 % angemessen sei. Da die Reisemängel so erheblich waren, dass der Reisepreis um mindestens die Hälfte gemindert wird, stand den Klägern außerdem Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreude zu. Er betrug jeweils 450 EUR (bei einem Reisepreis von 1306 EUR.)

 

Anwaltskosten

Die Kosten, die einem Reisenden durch Einschaltung eines Rechtsanwalts zur Durchsetzung reisevertraglicher Ansprüche gem. § 651g Abs. 1 BGB zustehen, stellen einen adäquat kausalen Schaden aus der Schlechterfüllung des Reisevertrages dar.

(LG  Frankfurt a.M, Urteil v. 26. 7. 2010, 2-24 S 135/09).

 

Praxishinweise:

Grundsätzlich ist es einem Reisenden gestattet, schon bei der Anmeldung von Ansprüchen sich anwaltlicher Hilfe in Anspruch zu nehmen, da dies zur Wahrung seiner Rechte notwendig ist. eines Rechtsanwalts bedient.

 

Weitere Rechtsprechung zu Baulärm: Wenn das Urlaubserleben eine Baustelle ist

Nicht jeder sucht im Urlaub Entspannung pur, doch auf Presslufthammer können auch Erlebnisurlauber gut verzichten. Wie hoch darf die Lärmbelästigung am Urlaubsort sein, wann hat der Gast Anspruch auf Minderung des Reisepreises oder gar Schadensersatz? Grundsätzlich gilt: Der Anspruch des Gastes auf Ruhe richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls.

Der Urlauber muss den Lärm hinnehmen, mit dem ein vernünftiger Reisegast nach den Prospektangaben bzw. den mündlich oder schriftlich getroffenen Absprachen rechnen musste. Ein in ruhiger Strandlage angepriesenes Hotel ist daher anders zu beurteilen als die Unterbringung in zentraler Lage mit vielfältigen Unterhaltungsmöglichkeiten in Hotelnähe.

 

Die Höhe der Minderung kann allerdings schwer „per Faustformel“ beziffert werden, sie hängt immer vom Einzelfall (Prospekt, Lärmumfang, örtliche Gegebenheiten, Ausweichmöglichkeiten  etc.) ab. Die Rechtsprechung, insbesondere die zur Reisepreisminderung häufig herangezogene "Frankfurter Tabelle", kann nur Anhaltspunkte liefern. Hier wird  Lärm am Tage mit  5-25  %,  Lärm in der Nacht 10-40 % veranschlagt.

Einzelfälle

Das Hotel der Reisegäste aus Düsseldorf war wie im Prospekt angepriesen – bis auf die Lage. Unmittelbar nebenan befand sich eine Großbaustelle. Die erhebliche Lärm- und auch Staubbelästigung erstreckte sich täglich über die Zeiträume 6-14 und 16–19 Uhr. Das LG gewährte eine Minderung des Reisepreises um 50% sowie Schadensersatz für vertane Urlaubszeit (LG Düsseldorf, Urteil v 21.01.2000, 22 S 26/99).

Das Hotel der Reisegäste aus Hannover war noch gar nicht fertig gestellt. Der Baulärm tobte im Hotel selbst rund ums gemietete Zimmer. Auch das AG Hannover sprach eine Minderung von 50% sowie zusätzlich Schadensersatz zu (AG Hannover, Urteil v 11.10.2007, 504 C 4712/07).

Auch bei Fluglärm ist  die zu gewährende Minderung abzustufen nach dem Grad der Belästigung: Befindet sich das gebuchte Hotel in unmittelbarer Flughafennähe und enthält der Prospekt hierzu keinen Hinweis, hält das OLG Düsseldorf eine Minderung in einer Größenordnung von 10-20 % für angemessen (LG Düsseldorf, Urteil v 14.07.1999, 22 S 443/99).

Disco: Geringfügige Lärmbelästigungen durch Unterhaltungs- und Animationsprogramme sind jedenfalls dann hinzunehmen, wenn nach den Prospektangaben damit zu rechnen war. Drückt sich diese Unterhaltung aber in täglicher (bzw. nächtlicher) lauter Freiluftdiscomusik bis in die frühen Morgenstunden aus, sieht das AG Köln eine Minderung des Reisepreises um bis zu 60% sowie Schadensersatz wegen vertaner Urlaubszeit als gerechtfertigt an ((AG Bad Homburg, Urteil v 14.03.1996, 2 C 3731/95).

In weniger gravierenden Fällen schwanken die Minderungsquoten wegen Lärms zwischen 5 und 20%. Das LG Duisburg bezog in einem Urteil sogar die Möglichkeit des Reisegastes ein, dem Lärm tagsüber durch Beschäftigungen außerhalb des Hotels auszuweiche (LG Duisburg, Urteil v 27.03.2008, 12 S 70/07).

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