14.01.2014 | Mangelhaft gilt nicht

Ritter Sport schmettert schlechte Note der Stiftung Warentest ab

Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Stiftung Warentest muss über die Sportschokolade schweigen und darf nicht behaupten, dass in der Ritter Sport-Tafel Marke  "Voll-Nuss" ein nicht gekennzeichneter künstlicher Aromastoff enthalten ist. Aus diesem Grund aber hatten die Tester das Produkt als "mangelhaft" bewertet.

Das Landgericht München I hielt eine entsprechende einstweilige Verfügung gegen die Stiftung aufrecht: Die Tester dürfen ohne Beweise nicht behaupten, dass der Schokoladenhersteller seiner Sorte "Voll-Nuss" einen künstlichen Aromastoff hinzugefügt hat, ohne dies auf der Verpackung kenntlich zu machen. Von einem fairen Warentest könne nicht gesprochen werden, wenn in der zentralen Frage der Angabe "natürliches Aroma" die Bestimmungen der Europäischen Aromen-Verordnung zu eng ausgelegt würden und für den Leser das schlechte Ergebnis auch nicht nachvollziehbar begründet würde.

Einstweilige Verfügung gegen "mangelhaft" der Stiftung Warentest hält

Schokoladenhersteller Ritter hatte Ende November eine einstweilige Verfügung gegen die Stiftung Warentest erwirkt, nachdem seine Nussschokolade mit "mangelhaft" bewertet worden war. Die Warentester hatten bemängelt, die quadratische Schokolade enthalte – unter falschen Angaben über die Inhaltsstoffe -  den künstlichen, nach Vanille schmeckenden Aromastoff Piperonal.

Nicht verkehrsfähig?

Im Testbericht hieß es: „Wir haben den chemisch hergestellten Aromastoff Piperonal nachgewiesen. Das Zutatenverzeichnis ist irreführend: Das Aroma ist nicht wie deklariert «natürlich», da der nachgewiesene Aromastoff Piperonal chemisch hergestellt wird. Im Zutatenverzeichnis wird nur «natürliches Aroma» genannt. Aber die Schokolade erfüllt dieses Versprechen nicht. Wegen Irreführung hätten die Nussschokoladen nicht verkauft werden dürfen. Juristisch ausgedrückt: Sie sind so nicht verkehrsfähig.“

Alles hängt am Piperonal

Ritter Sport und die dem Rechtsstreit beigetretene Aromenlieferantin Symrise bestreiten, dass die getestete Schokolade chemisch hergestellten Aromastoff enthalte. Der nach Mandel und Vanille duftender Stoff Piperonal existiere auch in einer Vielzahl von Pflanzen, sei also aus natürlichen botanischen Quellen erhältlich. Er sei für die Schokolade mittels eines nach der Europäischen Aromen-Verordnung (VO (EG) Nr. 1334/2008) zugelassenem Verfahren aus pflanzlichen Ausgangsstoffen gewonnen worden.

Warentest hielt dagegen, unstreitig enthalte die Schokolade 0,3 mg Piperonal/Heliotropin pro Kilogramm. Ein unabhängiges Prüfinstitut und Warentest selbst hätten übereinstimmend festgestellt, dass Piperonal industriell durch eine chemische Oxidation hergestellt werde. Ein industrielles Herstellungsverfahren, das der Europäischen Aromen-Verordnung entspreche, sei jedoch weder der Warentest noch dem beauftragten Prüfinstitut bekannt, sodass man auf einen Verstoß gegen die Aromen-Verordnung geschlossen habe.

Tester zu streng?

Dem LG war das zu streng. Da unstreitig nie eine Gefährdung der Verbraucher bestanden habe, gehe es allein um die Vereinbarkeit der Angabe «natürliches Aroma» mit der Europäischen Aromen-Verordnung. Von einem fairen Warentest könne nicht gesprochen werden, wenn diesem in der zentralen Frage der Auslegung der Bestimmungen der Aromen-Verordnung ein zu enges Verständnis zugrunde liege.

Warentest habe, ohne Offenlegung der zugrunde liegenden Wertung, aus einer scheinbaren Tatsache eines fehlenden natürlichen Gewinnungsverfahrens abgeleitet, dass es sich nicht um ein natürliches Aroma handele. Daraus habe es auf eine Irreführung der Verbraucher geschlossen und die Verkehrsfähigkeit der Schokolade verneint. Diese Auslegung der Bestimmungen der Europäischen Aromen-Verordnung sei zu eng und der Verbraucher könne die schlechte Bewertung auch nicht nachvollziehen.

Stiftung Warentest muss weiter zur Verbrauchertäuschung schweigen

Die Stiftung darf also nach wie vor nicht mehr behaupten, dass der Packungshinweis auf „natürliches Aromas“ in der Nuss-Schokolade eine Verbrauchertäuschung sei, da künstliches Aroma eingesetzt werde. Sie können bis jetzt schlicht nicht beweisen, dass die Schokolade künstlich aromatisiert wurde.

(LG München I, Entscheidung v. 13.01.2014, 9 O 25477/13.)

Hintergrund: Warentest will sich in der Vanillefrage aber noch nicht abschmettern lassen. Die Stiftung kündigt an, Rechtsmittel einzulegen und den Rechtsstreit vor das OLG zu bringen. Die Produktion der umstrittenen Substanz liege weiter im Dunkeln, klar sei lediglich, dass die Lieferantin Symrise AG den Aromastoff Piperonal nicht selbst herstelle, sondern über Dritte bezieht. Die Stiftung halte an ihrer Auslegung fest. Das Gericht hatte kurz vor Weihnachten einen Vergleich vorgeschlagen, um den Streit beizulegen. Darauf waren Ritter Sport und die Stiftung Warentest aber nicht eingegangen. Wegen der einstweiligen Verfügung hatte die Stiftung Warentest die strittigen Passagen ihres Berichts entfernen müssen.

Schlagworte zum Thema:  Stiftung Warentest, Verbraucherschutz

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