| Angekratztes Sommermärchen

Fußball und Compliance – zwei unvereinbare Größen?

War das Sommermärchen der WM 2006 letztlich ein Eigentor, weil es Bösewichte hinter den Kulissen gab?
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Ob das Sommermärchen 2006 tatsächlich gekauft war, ist noch nicht wirklich  ausgemacht. Aber der durch den Spiegel-Artikel ausgelöste Schock sitzt tief und schlägt hohe Wellen im DFB. Für die Öffentlichkeit scheint es, als seien FIFA und DFB der gleiche Sumpf.

Vielleicht erweisen sich die im aktuellen Spiegel erhobenen Vorwürfe ja noch als Sturm im Wasserglas. Die Beweiskette jedenfalls, die der Spiegel präsentiert hat, ist eher eine reine Indizienkette, ein lückenloser Beweis für eine gekaufte WM ist (noch) nicht erbracht.

Der DFB, allen voran Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer bestreiten die Vorwürfe vehement. Man werde nachweisen, dass die Vorwürfe nicht haltbar und aus der Luft gegriffen sind. Dem Spiegel werden harte juristische Konsequenzen angedroht.

Indizienkette wackelt noch

In einem Interview mit dem Sender „Sky90“ räumt der Autor des Spiegel-Artikels Jens Weinreich ein, die Indizienkette noch nicht hundertprozentig in jedem einzelnen Punkt  überprüft zu haben. Dies gelte insbesondere für die Echtheit des handschriftlichen Vermerks des DFB-Chefs Wolfgang Niersbach.

Schwarze Kasse beim DFB?

Im Rahmen der Bewerbung um die Fußball-WM 2006 in Deutschland soll im DFB eine schwarze Kasse existiert haben, von der sowohl Franz Beckenbauer als auch Wolfgang Niersbach wussten. Finanziert worden sei die schwarze Kasse von dem ehemaligen Adidas-Vorstand Robert Louis-Dreyfus mit knapp 7 Mio Euro. Er habe das Geld 2005 zurückverlangt.

Laut Spiegel werden die Vorgänge belegt durch eine handschriftliche Notiz des seinerzeit geschäftsführenden Vizepräsidenten des DFB Wolfgang Niersbach, worin die geplante Zahlung von 6,7 Millionen Euro beschrieben würde. Beckenbauer selbst soll einen Schuldschein unterschrieben haben. Aus der Kasse sei 2005 eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen an die FIFA geflossen.

StA Frankfurt prüft Anfangsverdacht

Laut der Sprecherin der StA Frankfurt, Nadja Niesen, wurde bisher erst ein „Beobachtungsvorgang“ angelegt. Die in Betracht kommenden Tatbestände seien Betrug, Untreue und Korruption.

  • Hauptgegenstand der Untersuchung dürfte die Zahlung des DFB an die FIFA im Jahre 2005 über einen Betrag in Höhe von 6,7 Millionen Euro sein. Die Prüfung habe erst begonnen.
  • Personen oder Organisationen, gegen die sich die Vorwürfe richten könnten, wurden seitens der Staatsanwaltschaft bisher nicht genannt.

Vieles wäre verjährt - alles aber nicht

Die meisten der genannten Delikte unterliegen der fünfjährigen Verjährungsfrist, so dass eine Strafverfolgung insoweit nicht mehr in Betracht kommt. Eine Ausnahme bildet der Tatbestand der schweren Untreue, der erst nach zehn Jahren verjährt, §§ 266 Abs. 2, 243, 263 Abs. 2, 78 Abs. 3 Ziff. 3 StGB.

Außerdem verjähren bestimmte Geldwäschedelikte in der Schweiz erst nach 15 Jahren, so dass in Zusammenhang mit der in der Schweiz ansässigen FIFA auch dort die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens möglich wäre

6,7 Millionen ohne Gegenleistung überwiesen?

Der vom DFB beauftragte Rechtsanwalt Christian Schertz hat bereits eine Unterlassungsklage und eine Schadensersatzklage gegen den Spiegel angekündigt.

  • Bei den 6,7 Millionen habe sich um eine Überweisung an den Fußballverband FIFA gehandelt. Die Überweisung habe dazu dienen sollen, ein Kulturprojekt während der WM zu finanzieren.
  • Das Projekt sei dann aber abgesagt worden.
  • Zu der Frage, wie es sein könne, dass dem DFB erst jetzt nach zehn Jahren auffalle, dass für eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an die FIFA für ein angebliches Kulturprojekt keine Gegenleistung erbracht wurde, hat der DFB bisher keine Erklärung abgegeben.

Tatsache ist, dass die 6,7 Million Euro in keiner Bilanz des damaligen Bewerberkomitees, des späteren Organisationskomitees oder des DFB auftaucht. Ein ungewöhnlicher Vorgang, wenn das Geld tatsächlich legal war. Erst nach der Überweisung an der FIFA im April 2005 erscheint der Betrag in den FIFA-Bilanzen.

Starke wirtschaftliche Interessen kämpften damals um die Vergabe der WM an Deutschland. Neben Adidas hatte auch der Kirch-Medienkonzern ein enormes finanzielles Interesse, die WM nach Deutschland zu bekommen.

Ein Maulwurf im DFB?

Der FIFA-Insider Guido Tognoni will bereits den Urheber der Vorwürfe ausgemacht haben. Den ehemaligen DFB-Chef Theo Zwanziger, der ein tiefsitzendes feindliches Verhältnis mit seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach pflege. Zwanziger bestreitet vehement. Insider halten es auch für möglich, dass die Hinweise zur jetzigen Affäre direkt aus der FIFA selbst kommen. Die Schwächung der Deutschen kommt dem vorläufig seinem Amt enthobenen Sepp Blatter jedenfalls recht, der unbedingt einen Europäer als Nachfolger verhindern will.

Immenser Imageschaden für den Sport

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, warnt vor voreiligen Schlüssen. Gegenüber der Saarbrücker Zeitung erklärte sie, dass es für eine Bewertung noch viel zu früh sei. Die Beweislage sei noch völlig ungeklärt. Solange dies so sei, gelte für sämtliche möglichen Beteiligten die Unschuldsvermutung.

Auch die WM-Vergaben an Russland im Jahr 2018 und an Qatar im Jahr 2022 stehen unter starkem Korruptionsverdacht. Die Ethikkommission der FIFA wird den Fall DFB prüfen. Niersbach, der auch Mitglied der FIFA-Exekutive ist, muss bis zu der Klärung des Falles mit seiner Suspendierung rechnen. Trotz unklarer Beweislage - das Image des deutschen Fußballs und auch des Weltfußballs sind schwer angeschlagen.

Vgl. zu dem Thema auch:

FIFA leidet weiter unter schwerst angeschlagenem Sepp Blatter

Fußball-WM: Rechtsfragen rund um den Ball

Schlagworte zum Thema:  Fußball, Untreue, Compliance, Korruption

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