| Der Fall Kalinka

Deutsch-Französisches Justizdrama

(Zu) milde Strafe für Selbstjustiz?
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Weil die deutsche Justiz den vermeintlichen Mörder seiner Tochter nicht verurteilen wollte, griff ein Vater zu einem brutalen Akt von Selbstjustiz. Er geht dennoch als freier Mann aus dem Gerichtssaal. Die beiden mitangeklagten Entführer müssen jeweils 1 Jahr in Haft.

Ein Drama, das die deutsch-französische Presse seit über 30 Jahren beschäftigt:

Erster Akt: Das vierzehnjährige Mädchen Kalinka wird im Sommer 1982 im Haus ihres Stiefvaters Dieter K.  in Lindau am Bodensee tot in ihrem Bett aufgefunden. Der leibliche Vater Andre Bamberski ist überzeugt, dass der Stiefvater Kalinka sexuell missbraucht und anschließend zur Vertuschung seiner Tat mit einer Spritze getötet hat. Die deutsche Justiz stellt dennoch das Verfahren gegen den Stiefvater, der von Beruf Arzt ist, 1987 mangels Beweisen ein.

Zweiter Akt: Bamberski strengt in Frankreich einen Prozess gegen den von ihm verdächtigten Kardiologen an. Dieser wird in Abwesenheit wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt. Sämtliche sich anschließenden Auslieferungsanträge der Franzosen weisen die deutschen Behörden zurück.

Dritter Akt: Bamberski findet keine Ruhe und macht die Jagd auf den Kardiologen zu seinem Lebensinhalt. Ende 2009 treibt er zwei Gehilfen auf, die bereit sind, den Kardiologen aus seinem Wohnort in Bayern zu entführen. Im Oktober 2009 wird der Kardiologe in der französischen Stadt Mulhouse mit etlichen Verletzungen und gefesselt vor dem dortigen Gericht von der Polizei aufgefunden.

Entführter Deutscher wird in Frankreich inhaftiert

Vierter Akt: Der deutsche Arzt, der nach wie vor seine Unschuld beteuert, wird in Frankreich erneut zu einer 15jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil wird vom Kassationsgericht in Paris bestätigt. Das Argument des Arztes, dass nur aufgrund seiner rechtswidrigen Entführung ein erneutes Gerichtsverfahren gegen ihn in Frankreich ermöglicht wurde, hält die französischen Gerichte nicht davon ab, sich für zuständig zu halten. Begründung: Das tote Mädchen besaß die französische Staatsangehörigkeit. Inzwischen 79 Jahre alt und gesundheitlich schwer angeschlagen, ist es fraglich, ob der Kardiologe jemals wieder sein Pariser Gefängnis verlassen kann. Die deutschen Behörden haben förmlichen Protest eingelegt.

Milde Strafen gegen die Entführer

Fünfter Akt: Gegen Bamberski und seine Gehilfen findet die Strafverhandlung wegen Entführung, Freiheitsberaubung, Verabredung zur Gewaltanwendung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor dem französischen Gericht in Mulhouse statt. Der Verteidiger Bamberski`s betont, dieser habe mit der Entführung nur seine moralische Pflicht als Vater erfüllt. Der Staatsanwalt verurteilt zwar die Entführung als unzulässigen Akt von Selbstjustiz, erklärt aber gleichzeitig: „Menschlich gesehen bin ich beeindruckt von Ihrem Mut und Ihrer Beharrlichkeit“. Er fordert eine milde Bestrafung von einem halben Jahr Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Dies ist selbst dem französischen Gericht zu milde. Es verurteilt Bamberski zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und setzt diese zur Bewährung aus. Die beiden Mitangeklagten erhalten ein Jahr ohne Bewährung.

EGMR hat das letzte Wort

Die rechtliche Behandlung des Falls wirft einige grundsätzliche Fragen auf:

  • Darf ein europäisches Gericht gegen einen Angeklagten verhandeln, wenn dieser zuvor widerrechtlich aus seinem Heimatland entführt und nur dadurch der Prozess überhaupt erst möglich wurde?
  • Ist es rechtlich zulässig, einen brutalen Akt von Selbstjustiz in der Weise zu belohnen, dass gegen den Hauptschuldigen eine ungewöhnlich milde Strafe verhängt wird?
  • Wird Selbstjustiz damit unterstützt und salonfähig gemacht?

Dies alles sind Fragen aus dem Spannungsfeld zwischen formellem Recht einerseits und menschlichem Verständnis für die nachvollziehbaren Vergeltungswünsche eines Vaters andererseits. Zumindest mit der Entführungsfrage wird sich demnächst der EGMR beschäftigen müssen. Der in Frankreich einsitzende Kardiologe hat dort nämlich Beschwerde eingelegt. Dies dürfte dann der letzte Akt des seit nunmehr mehr als 30 Jahren andauernden Justizdrama`s werden.

Schlagworte zum Thema:  Strafrecht, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

Aktuell

Meistgelesen