17.06.2015 | Medienhype versus Gerechtigkeit

Der Fall Tuğçe - 3 Jahre Haft für den Täter

Drei Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge, das Urteil in Fall Tuğçe
Bild: Haufe Online Redaktion

Ein Prozess, begleitet von übergroßem Medienrummel fand sein vorläufiges Ende. Der Täter, in der Presse lange als brutaler Killer dargestellt, bleibt, wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge, in Haft. Der Prozess zeichnete jedoch von der Tat ein differenzierteres Bild, als die Medienberichte vermuten ließen.

Das mehrmalige Aufeinandertreffen des späteren Opfers türkischer Abstammung Tuğçe Albayrak und des Täters an einem Abend im November 2014, zuletzt  auf dem Parkplatz vor dem Schnellrestaurant McDonald’s in Offenbach war tragisch.

Verzerrte Vorgeschichte?

Auf der Toilette soll Tuğçe zuvor zwei dreizehnjährigen Mädchen geholfen haben, den sie belästigenden späteren Täter und dessen Freunde abzuwehren. Nach den seinerzeitigen Darstellungen der Presse soll bei dem späteren Zusammentreffen auf dem Parkplatz die Auseinandersetzung um die Belästigung der dreizehnjährigen Mädchen noch weiter gegangen sein. Hierbei hat der Täter Tuğçe einen Schlag mit der flachen Hand sterben gegen den Kopf versetzt, worauf diese zu Fall kam, eine Hirnblutung erlitt und später starb.

Ein von der Öffentlichkeit bedrohter Täter

Die halbe Bundesrepublik war auf den Täter wütend. Der Täter kam umgehend in Untersuchungshaft. Während der Untersuchungshaft konnte der Staat den Täter nicht vor dem Angriff eines ebenfalls wütenden Mitgefangenen schützen, der ihm das Nasenbein brach.

Bei einem vom Täter beantragten Haftprüfungstermin lehnte das Gericht die vorläufige Freilassung mit der ungewöhnlichen Begründung ab, der Täter sei in Freiheit nicht vor den Angriffen des durch die Presse aufgestachelten Mobs zu schützen. Das Gericht sah hierin den Grund zur Annahme einer Fluchtgefahr, da es dem Täter nicht möglich sei, ungefährdet an seinem bisherigen Wohnsitz weiterzuleben.

Eine maßlose Medienberichterstattung

Woher kam diese rasende Wut auf den Täter? Die Medien haben hieran zumindest einen Anteil. Das McDonald’s Restaurant, auf dessen Parkplatz die Tat geschah, schaltete eine Traueranzeige in „Bild“ in deutscher und türkischer Sprache mit den Worten: „Wir trauern um eine außergewöhnliche Frau, die Zivilcourage gezeigt hat und dabei ihr eigenes Leben verloren hat. Der brutale Überfall auf Tuğçe Albayrak hat auch uns, insbesondere die Mitarbeiterinnen und  Mitarbeiter des Restaurants in Offenbach-Kaiserlay fassungslos gemacht“.

Gauck mit von der Partie

Bundespräsident Gauck stellte öffentlich vernehmbar Überlegungen darüber an, dem Mädchen mit der außergewöhnlichen Zivilcourage posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. In einem Brief an die Familie bedauerte er das „brutale Verbrechen“ eines gewissenlosen, feigen Täters.

Eine verbal heftige Auseinandersetzung zwischen Opfer und Täter

Vor Gericht bekam das Bild eines Mädchens mit großer Zivilcourage einerseits, das minderjährige Geschlechtsgenossinnen verteidigt und eines brutalen Killers andererseits, der ohne jede Gefühlsregung ein junges Mädchen totschlägt, Risse.

In der Hauptverhandlung wichen einige Zeugen von ihren ursprünglichen Aussagen erheblich ab. Hiernach wurden deutliche Zweifel laut, ob die beiden Mädchen auf der Damentoilette sich tatsächlich in einer hilfsbedürftigen Situation befanden. Auch die Auseinandersetzung auf dem Parkplatz erschien nach einigen Zeugenaussagen nicht als einseitig nur vom Täter aggressiv geführt. Vielmehr steht nach der Beweisaufnahme fest, dass eine Gruppe von Jugendlichen um den Täter sowie eine weitere Gruppierung um Tuğçe gegenseitig aggressiv verbale Beleidigungen und Beschimpfungen austauschten.

Tragische Eskalation einer eher alltäglichen Situation

Tatsache bleibt, dass der Täter von Tuğçe zwar verbal aber nicht körperlich angegriffen wurde und dieser seinerseits Tuğçe einen äußerst heftigen Schlag ins Gesicht versetzt hat. Nach Aussage des medizinischen Sachverständigen erlitt Tuğçe durch den Schlag möglicherweise einen Black-out, wodurch sie stürzte und dabei mit dem Kopf so unglücklich auf dem Boden aufschlug, dass sie eine Gehirnblutung erlitt, an der sie später starb. Eine tragische Entwicklung aus einer eher banalen Alltagssituation, für die zweifellos die Verantwortung der Täter trägt.

Der schlimmste Fehler meines Lebens

Für eine gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge sieht § 227 StGB eine Mindeststrafe von drei Jahren vor. Das Jugendstrafrecht reduziert dieses Strafmaß auf 6 Monate bis 10 Jahre Freiheitsentzug. In seinem Schlusswort erklärte der 18-jährige Angeklagte, der Schlag sei der schlimmste Fehler seines Lebens gewesen. Eine schriftliche Entschuldigung des Täters gegenüber der Familie des Opfers wurde bewusst nicht öffentlich gemacht, weil die Verteidigung die Befürchtung hatte, dies würde gegen ihren Mandanten ausgelegt.

Die Familie des Opfers bemüht sich um Sinngebung

Im Ergebnis sprach auch die Staatsanwaltschaft von einem medialen Exzess. In seinem Urteil versuchte das Gericht das Geschehen auf seinen faktischen Kern herunterzubrechen und die maßlose Berichterstattung zu relativieren. Der Vorsitzende Richter stellte das Opfer als unerschrockenes junges Mädchen vor, das aber auch einige jugendtypische Probleme, u.a. mit dem Genuss von Alkohol, gehabt habe und das an jenem besagten Novemberabend in eine tragische Auseinandersetzung mit ihrem Gegenüber geraten sei.

Der Angeklagte habe in unangemessener Weise körperliche Gewalt angewandt und sei für die Folgen dieser Gewaltanwendung voll verantwortlich. Das Urteil lautete denn auf drei Jahre ohne Bewährung. Das Opfer hat mehrere Organe gespendet. Die Familie des Opfers sucht  Trost in einer neu gegründeten Stiftung, die sich zur Ehre der Verstorbenen zum Thema Zivilcourage und Organspende gegründet hat.

Zu hartes Urteil?

Die Verteidigung überlegt indes, ob sie die Strafe, die auf Grund der unerwartet massiven Folgen eines Schlages mit der flachen Hand, teilweise als zu streng bewertet wird, akzeptiert oder in die Berufung geht.

Vgl. zu dem Thema auch:

Strafbarkeit der unterlassenen Hilfeleistung

Jäger erschießt 16-jährigen Räuber

Tötungsdelikte Reform

Schlagworte zum Thema:  Körperverletzung, Jugendstrafrecht

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