27.08.2013 | Verwaltungsgericht

„Ungenügend“ als Prüfungsnote ist zulässig

Kann man mit Hilfe des Gerichts als ungerecht empfundene Noten gerade biegen?
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Note „ungenügend“ bewertet nach klassischer Definition eine Leistung, die den Anforderungen in keiner Hinsicht genügt. Diese Beurteilung ist hart aber rechtens.

Diese schmerzliche Erfahrung musste ein Schüler machen, der sich der Fachhochschulreifeprüfung unterzogen hatte. Seine schriftliche Arbeit im Fach Englisch wurde mit der Note „ungenügend“ bewertet. Die Bewertung beruhte darauf, dass er bei Bearbeitung der Klausur in einer Teilaufgabe einen auswendig gelernten Text aus einer Übungsklausur wiedergegeben hatte. An der Schule gilt aber die Regel, dass Klausurarbeiten grundsätzlich mit eigenen Worten angefertigt werden müssen. Bei Wiedergabe eines auswendig gelernten Textes wird die Gesamtleistung mit „ungenügend“ bewertet. Diese Praxis war den Schülern bekannt. Dennoch wollte der Schüler die Bewertung nicht gelten lassen, da er hierdurch im Ergebnis die Fachhochschulreife nicht erlangt hatte. Er klagte vor dem Verwaltungsgericht.

Prüfer haben weiten Beurteilungsspielraum

Das zuständige VG betonte, dass dem Prüfer bei Bewertung einer Klausur grundsätzlich ein weiter Beurteilungsspielraum zustünde. Allein der Prüfer sei in der Lage, die individuelle Leistung des zu Prüfenden in ihrer vollen Tragweite zu beurteilen. Ein Gericht könne insoweit nur überprüfen, ob der Prüfer bei der Benotung allgemein anerkannte Bewertungsregeln verletzt habe. Hierzu gehöre, dass in die Bewertung

  • keine sachfremden Erwägungen eingeflossen sind,

  • der zutreffende Sachverhalt zu Grunde gelegt wurde,

  • allgemeine Denkgesetze nicht verletzt wurden und

  • die Bewertung nicht willkürlich erscheine.

Verbot der Wiedergabe auswendig gelernter Texte ist nicht zu beanstanden

Die allgemeine Vorgabe an der betreffenden Schule, Klausurtexte grundsätzlich mit eigenen Worten des Prüflings und nicht mit auswendig gelernten Texten zu beantworten, beanstandete das VG ebenso wenig wie die hieraus abgeleitete zwangsläufige Bewertung der Gesamtklausur mit „ungenügend“. Dieser Automatismus sei den Schülern insgesamt bekannt gewesen; die Schule sei seit Jahren in der Praxis auch nach dieser Regel verfahren. In diesem Fall könne und müsse sich jeder Schüler auf diese Bewertungspraxis einstellen. Da der Kläger trotz Kenntnis dieser Bewertungsrichtlinie eine größere, auswendig gelernte Passage in seinem Klausurtext wiedergegeben habe, war die Bewertung seiner Leistung mit der Note „ungenügend“ nach Auffassung des Gerichts gerechtfertigt.

Weitere Leistungen fielen unter den Tisch

Interessant an dem Urteil ist, dass es dem Schüler nicht half, dass die auswendig gelernte Textpassage nur einen Teil seiner Klausurleistung ausmachte und die weitere Klausurbearbeitung bei der Bewertung völlig unberücksichtigt blieb. Nach Auffassung des Gerichts stand es der Schule aufgrund ihres schulspezifischen Beurteilungsspielraums frei, die betreffende Bewertungsregel auf die gesamte Klausurleistung zu erstrecken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

VG Gießen, Urteil v. 3.7.2013, 7 K 3318/12. GI)

Vgl. zu dem Thema

Klassenziel verfehlt – Versetzung durch Gerichtsentscheid?

Schlagworte zum Thema:  Schule, Noten

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