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Unfall bei Ausweichmanöver auf der Skipiste: Unfallversicherung muss zahlen

Eine Verletzung nach einem Ausweichmanöver auf der Skipiste ist vom Schutz der privaten Unfallversicherung gedeckt. Auch wenn Auslöser des Schadens die Eigenbewegung und keine Fremdeinwirkung war, ist der Sturz, nicht die Ausweichbewegung, ursächlich für die Schädigung. Dafür besteht Versicherungsschutz, denn der Versicherte hat sich hier nicht selbst geschädigt.

Die Umstände, die zu einem Sturz geführt haben, sind nicht entscheidend dafür, ob es ein Unfall und damit ein Versicherungsfall ist.

Verletzt sich der Versicherungsnehmer bei einem Sturz dadurch, dass er auf den Boden prallt, liegt darin ein von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis.

 

Versicherung: Ausweichen ist kein Unfall

In dem verhandelten Fall musste ein Skifahrer auf einer Skipiste einem anderen ausweichen, um einen Zusammenprall zu vermeiden. Dabei stürzte der Mann und verletzte sich an der Schulter.

Die Verletzung war so schwer, dass sie zu einer teilweisen Invalidität führte. Seine private Unfallversicherung verweigerte die Unterstützung, da kein Unfall vorliege.

 

BGH sah einen vom Versicherungsschutz erfassten Unfall

Sowohl das Landgericht Hannover, als auch das Oberlandesgericht Celle gaben dem Versicherer Recht. Der Skifahrer sei durch eine Eigenbewegung gestürzt. Solche Vorgänge seien nicht versichert, da keine Fremdeinwirkung vorliege.

  • Die Anerkennung als Unfall scheitere daran, dass der Skifahrer sich stark erschrocken habe und deswegen eine ungeschickte Eigenbewegung vorgenommen habe.
  • Mangels irregulären Zustandes der Außenwelt stelle dies keinen Unfall dar.

 

BGH hatte Ski-Heil in Sinn: Eigenbewegung gibt es immer

Die Richter am BGH entschieden anders: Die Schulterverletzung war eine Folge des Aufpralls auf den Boden und damit war der Sturz und nicht das Ausweichen unmittelbare Ursache der Gesundheitsschädigung. Es sei allein dasjenige Ereignis zu betrachten, welches die Gesundheitsschädigung unmittelbar herbeigeführt habe.

  • Auf eine mögliche Eigenbewegung kommt es nur an,
  • wenn schon diese Eigenbewegung selbst,
  • nicht aber erst die aus der Eigenbewegung folgende Kollision zur Gesundheitsschädigung geführt hat.

Das Ganze sei daher als Unfall zu werten und die Versicherung mit von der Partie.

(BGH, Urteil v. 6.7.2011, IV ZR 29/09).

 

Vgl. zu dem Thema Ski auch:

Ski: Es gilt kein Recht des Schnelleren, sondern FIS, die Verhaltensregeln des Internationalen Skiverbandes

 

FIS-Regeln = Verkehrsregeln für Skifahrer

Gerichte orientieren sich an den Allgemeinen FIS-Regeln, ein vom internationalen Skiverband aufgestelltes „Gewohnheitsrecht“, das zumindest bei Unfällen im Alpengebiet angewendet wird. Sie gelten auch für Snowboarder.

1. Rücksicht auf andere Skifahrer nehmen: Jeder Skifahrer muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt.

 2. Beherrschung der Geschwindigkeit und Fahrweise: Jeder Skifahrer muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen. 

 3. Wahl der Fahrspur: Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer nicht gefährdet. 

 4. Überholen: Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt. 

 5. Einfahren und Anfahren: Jeder Skifahrer, der in eine Skiabfahrt einfahren oder nach einem Halt wieder anfahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

 6. Anhalten: Jeder Skifahrer muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen. 

 7. Aufstieg und Abstieg: Ein Skifahrer, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benutzen. 

 8. Beachten der Zeichen: Jeder Skifahrer muss die Markierung und die Signalisation beachten. 

 9. Hilfeleistung: Bei Unfällen ist jeder Skifahrer zu Hilfeleistung verpflichtet. 

 10. Ausweispflicht: Jeder Skifahrer, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben. 

Weitere Urteile:

  • Schlechte Karten vor Gericht haben schnelle Fahrer und Pistenrowdys. So entschied das LG Ravensburg neben vielen weiteren Gerichten: Allein der von oben kommende Fahrer haftet bei einer Kollision. Seine Fahrspur muss er so wählen, dass der vor ihm fahrende Skifahrer nicht gefährdet wird (LG Ravensburg, Urteil v. 23.3.2006, 4 O 185/05).
  • Ebenso das OLG Dresden: Ein nachfolgender Skifahrer muss auf Sicht fahren und jederzeit in der Lage sein, Hindernissen auszuweichen (OLG Dresden, Urteil v. 1.4.2004, 7 U 1994/03).
  • Gleicher Meinung ist das OLG Brandenburg (Urteil v. 10.1.2006,  6 U 64/05): Der von oben kommende Skifahrer muss in vorausschauender Weise mit allen Bewegungen des unten Fahrenden rechnen. Danach hat er die Wahl des Sicherheitsabstandes auszurichten. 

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