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Sexueller Missbrauch: Anspruch auf Schmerzensgeld nach 23 Jahren noch durchsetzbar

Grundsätzlich beginnt die dreijährige Verjährungsfrist bei Schmerzensgeldansprüchen ab Kenntnis des Schadens und der Person des Ersatzpflichtigen. Hat ein traumatisiertes Missbrauchsopfer jedoch das Geschehene verdrängt, beginnt die Verjährung erst ab Erinnerung an die Tat.

Konsequente Verdrängung der erlebten Traumatisierung

Ein heute 34-jähriger Polizeibeamter wurde seit seinem 11. Lebensjahr von einem Nachbarn seiner Großeltern jahrelang sexuell missbraucht. Er hatte das Geschehen bis zu einer Familienfeier im Jahr 2005 vollständig verdrängt und daher bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis davon gehabt.

Erst als ihm seine jüngere Schwester bei der Feier offenbarte, dass sie ebenfalls von dem Nachbarn sexuell missbraucht wurde, erinnerte er sich an die Tat. Er erstatte daher Anzeige und verklagte den Täter auf Schmerzensgeld.

 

Täter sah Wahl des Berufs (Polizist) des Opfers als Indiz gegen Verdrängung

Der Beklagte beantragte, die Klage abzuweisen und berief sich auf die Einrede der Verjährung. Der Anspruch sei spätestens drei Jahre nach Eintritt der Volljährigkeit verjährt, argumentierte er.

Die Berufswahl des Klägers sei eine bewusste Bewältigungsstrategie gewesen. Damit kam er bei Gericht nicht weiter. Bereits in erster Instanz wurde dem Kläger ein Schmerzensgeld in Höhe von 7500 € zugesprochen. Die Berufung des Beklagten hatte keinen Erfolg.

 

Keine Zweifel des Berufungsgerichts an den erstinstanzlichen Feststellungen

  • Zwar habe bei dem Kläger keine Amnesie vorgelegen.
  • Dennoch sei die Verdrängung des Ereignisses aufgrund einer psychischen Traumatisierung vergleichbar, für welche der Kläger aber darlegungs- und beweispflichtig ist.

Dies stehe jedoch durch das vom Landgericht eingeholte Sachverständigengutachten fest. Danach hatte der Kläger bei Eintritt der Volljährigkeit noch keine Kenntnis von der Person des Schädigers und den anspruchsbegründenden Umständen. Diese hatte er erst im Jahre 2005 anlässlich der Familienfeier erlangt. Auch die Höhe des Schmerzensgeld sei angesichts der psychischen Folgen nicht zu beanstanden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Revision zum BGH wurde zugelassen.

(OLG Oldenburg, Urteil v. 12.07.2011, 13 U 17/11).

Praxishinweis: Ungeachtet dieses Urteils kann Opfer solcher Straftaten nur geraten werden, möglichst frühzeitig Anzeige zu erstatten bzw. Klage zu erheben.

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