03.01.2011 | allg. Zivilrecht

Nach der OP: Zitronensaft zur Wunddesinfektion?

Wie genau muss die Aufklärung des Patienten erfolgen, damit seine Einwilligung in eine OP wirksam ist. Zur Aufklärungspflicht eines Chirurgen über von ihm bevorzugte Außenseitermethoden.

Der angeklagte Arzt hatte eine Patientin am Darm operiert. Nach der OP trat eine Infektion der Operationswunde auf. Diese behandelte der Arzt – wie in anderen Fällen - u.a. mit Zitronensaft, der in der Stationsküche unter nicht sterilen Bedingungen gewonnen worden war.

Als sich die Wundentzündung verschlimmerte, riet er der Patientin zu einer Nachoperation. Über seine Absicht, auch diesmal Zitronensaft zur Desinfektion einzusetzen, klärte er die Patientin – wie schon zuvor - nicht auf. Die Patientin willigte ein und verstarb ca. 2 Wochen nach dem ersten Eingriff.

 

War die ärztliche Behandlung eine Körperverletzung?

Das LG hatte den Arzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Nach Auffassung der Richter hätte der Chirurg die Patientin schon vor der OP über seine besondere Behandlungsmethode im Falle von Heilungskomplikationen aufklären müssen. Mangels Aufklärung sei die Einwilligung der Patientin in die OP von vorneherein unwirksam gewesen. Der operative Eingriff stelle sich daher als rechtswidrige Körperverletzung mit Todesfolge dar.

 

BGH verneint eine generelle Aufklärungspflicht des Arztes über Nachbehandlungsrisiken

Demgegenüber verwies der BGH auf seine ständige Rechtsprechung zur Aufklärungspflicht des Arztes. Hinsichtlich der durch einen Heileingriff möglichen Folgeerkrankungen, wie z.B. Wundinfektionen, sei der Arzt nur dann zur Aufklärung verpflichtet, wenn diese das Risiko einer schweren Lebensbeeinträchtigung des Patienten, wie z.B. durch Verlust eines Organs, in sich trügen. Daran fehle es hier. Die Einwilligung zur Erstoperation sei daher wirksam, der Eingriff stelle demnach keine rechtswidrige Körperverletzung dar.

 

Keine Kausalität zwischen Zitronensaft und Tod

Anders verhalte es sich mit der Zweitoperation. Hier habe der Arzt von vorneherein die Absicht zur Einsatz des Zitronensaftes gehabt. Daher sei mangels entsprechender Aufklärung die Einwilligung der Patientin in den Eingriff unwirksam gewesen. Hier sei jedoch eine Kausalität zwischen Eingriff und dem anschließendem Tod der Patientin nicht nachweisbar. Da der Arzt stets auch die konventionellen Methoden zur Infektionsbekämpfung angewendet habe, habe der Zitronensaft lediglich eine zusätzliche bakterielle Belastung geschaffen, deren Ursächlichkeit für den späteren Todeseintritt nicht nachweisbar sei.

 

Chirurg muss dennoch weiter um Verurteilung fürchten

Der BGH hatte allerdings Zweifel, ob die ursprüngliche Darmoperation insgesamt de lege artis durchgeführt worden sei. Er verwies den Rechtsstreit zur weiteren Tatsachenaufklärung in dieser Richtung daher an die Vorinstanz zurück

(BGH, Urteil v 22.12.2010, 3 StR 239/10).

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