30.05.2012 | Medizinrecht

Falsche Eigendiagnose des Patienten kann Arzt nicht entlasten

Arzt ist zur Untersuchung verpflichtet
Bild: Haufe Online Redaktion

Medizinisches Halbwissen des Patienten kann die ausführliche Diagnose eines Arztes nie ersetzen. In Ausnahmefällen kann es sogar tödlich sein, wie ein vom OLG Koblenz aktuell entschiedener Fall zeigt.

Ärzte haben viel Verantwortung. Sie schulden eine sorgfältige, an den neuesten Erkenntnissen der Medizin ausgerichtete Behandlung. Diese umfasst folgende Aufgaben:

1. Die Anamnese: Dabei hat der Mediziner die Vorgeschichte der Krankheit zu erforschen.

2. Die Befunderhebung: Der Patient wird dazu untersucht.

3. Die Diagnose: Aus der Untersuchung zieht der Arzt Schlüsse auf die Art der Erkrankung. Sie muss in jeder Behandlungsphase neu überprüft werden.

4. Die Therapie: Der Arzt entscheidet sich für die nach seiner Überzeugung geeignete Therapie und führt diese durch.

Schlimmer als eine Fehldiagnose: Keine Diagnose

Was passiert, wenn der Arzt eines dieser Elemente bei der Behandlung weglässt, zeigt ein kürzlich vom OLG Koblenz entschiedener Fall:

Ein 36-jähriger Rettungssanitäter war wegen ungewöhnlich starker Schmerzen in der linken Körperhälfte als Notfall zu einem Orthopäden überwiesen worden. Die Eigendiagnose des sich selbstbewusst gebenden Patienten lautete: Eingeklemmter Nerv im Halswirbelbereich. Das habe, so versicherte er, auch ein Internist bereits bestätigt.

Der Orthopäde entließ ihn daraufhin mit der Diagnose Wirbelblockade, aber ohne weitere Befunderhebung, nach Hause. Ein grober Fehler, wie sich später herausstellte: Der Patient starb kurze Zeit danach an einem Komplettverschluss der rechten Herzkranzarterie. Es zeigte sich, dass die erwähnte internistische Abklärung bereits ein Jahr zurück gelegen hatte.

Mediziner kann Verantwortung nicht auf Laien abwälzen

Die Witwe des Verstorbenen klagte gegen den Arzt: Mit Erfolg. Die erste Instanz verurteilte den Mediziner zum Ersatz aller materiellen und immateriellen Schäden der Hinterbliebenen. Die Richter nahmen einen groben Behandlungsfehler an. In der Berufungsinstanz wurde das Urteil bestätigt. Die OLG-Juristen schenkten der Argumentation des Orthopäden, er sei wegen der irreführenden Eigendiagnose seines Patienten nur zu einer orthopädischen Untersuchung verpflichtet gewesen, keine Beachtung. Ein Arzt könne sich nicht auf die Diagnose seines Patienten verlassen. Er müsse diese kritisch hinterfragen und sich selbst ein Bild von der Erkrankung durch eine ausführliche Untersuchung machen – dies auch unabhängig von seinem Fachgebiet. 

(Oberlandesgericht Koblenz, Beschluss v. 30.01.2012, Az.: 5 U 857/11).

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