16.07.2012 | Arzthaftung

Ärztlicher Behandlungsfehler aufgrund fehlender Weiterbildung durch Lektüre von Fachzeitschriften

Bild: Haufe Online Redaktion

Ein Arzt muss sich regelmäßig weiterbilden. Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse aus anerkannten Fachzeitschriften muss er zeitnah im Berufsalltag umsetzen. Versäumt er dies, ist das ein grober Behandlungsfehler. Der Patient kann Schmerzensgeld verlangen.

Gynäkologischer Eingriff mit Folgen – Schmerzen, Übelkeit mit Erbrechen

Eine Patientin hatte sich am 1.3. 2005 einem gynäkologischen Eingriff unterzogen. Vor der Operation hatte sie darauf hingewiesen, dass sie die üblichen Narkosemittel nicht vertrage. Infolge der Intubationsnarkose litt sie im Anschluss an die Operation drei Tage an heftiger Übelkeit mit Erbrechen. Außerdem hatte die Frau langfristig nach der OP u. a. Unterleibsschmerzen.

Schwere Vorwürfe: Aufklärungsversäumnisse bezüglich Behandlungsalternativen etc.

Die Patientin hat den Ärzten Aufklärungsversäumnisse, insbesondere über eine Behandlungsalternative, und Fehler bei der Operation angelastet. Auch sei bei der Gabe der Anästhetika versäumt worden, ein weiteres Medikament zu verabreichen, das die mehrtägige Übelkeit mit Erbrechen sicher vermieden hätte. Sie forderte vom Krankenhaus insgesamt 6.000 EUR Schmerzensgeld.

Aufklärung über Alternativen ist nötig....

Jeder Patient muss aufgeklärt werden, wenn es mehrere medizinisch indizierte und übliche Behandlungsmethoden gibt, die unterschiedliche Risiken oder Erfolgschancen haben. Der Patient muss auch informiert werden, wenn eine Operation durch eine konservative Behandlung vermeidbar oder erst nach deren erfolgloser Vorschaltung angebracht.

Patient entscheidet dann selbst

Bei alternativen Behandlungsmethoden besteht eine echte Wahlmöglichkeit für den Patienten, sodass dieser zur Wahrung seines Selbstbestimmungsrechts durch die gebotene vollständige ärztliche Belehrung in der Lage sein muss, eigenständig zu entscheiden, welche Behandlung erfolgen soll und wann er welches Risiko eingehen will.

Mögliche Erinnerungslücke der Patientin und Informationsblatt retten den Operateur!

Im Klageverfahren hat die Frau erklärt, „ihrer Erinnerung nach sei nicht über Alternativen der OP gesprochen worden“. Dies lässt aber die Möglichkeit zu, dass die Aufklärung erfolgt ist. Der operierende Arzt hat im Prozess ein 4-seitiges Infoblatt vorgelegt, dass er der Frau im Februar 2005 ausgehändigt hatte. Dort heißt es: Da Ihre Beschwerden weder durch ....noch durch andere Hilfen dauerhaft gebessert werden können, empfehlen wir eine Operation". Folge: Das OLG ging von einer Aufklärung aus.

Anästhesie ist aber nicht mit der erforderlichen Sorgfalt

Wegen der bekannten Überempfindlichkeit gegen die üblichen Narkosemittel hätte der Patientin laut OLG-Richter ein weiteres, die Übelkeit minderndes oder gar völlig unterdrückendes Medikament verabreicht werden müssen.

Fachinformationen müssen zeitnah aufgenommen und umgesetzt werden

Dass dieser neue Wirkstoff die Beschwerden lindere, sei

  • mit wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen bereits in 2004 in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht worden.

  • Der Anästhesist hätte im März 2005 wissen müssen, dass die Gabe eines dritten Medikaments erforderlich gewesen sei.

Die Zeitspanne zwischen Publikation und Operation sei so lang, dass das Versäumnis als grober Behandlungsfehler zu werten sei. Da das Krankenhaus bzw. der Anästhesist nicht nachweisen konnte, dass Übelkeit auch mit dem dritten Medikament eingetreten wäre, ist ein Schmerzensgeld von 1.000 EUR zu zahlen.

(OLG Koblenz, Urteil vom 20.6. 2012, 5 U 1450/11)

Schlagworte zum Thema:  Kunstfehler, Arzthaftung, Aufklärungspflicht, Weiterbildung

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