10.02.2014 | Serie Kanzleimanagement Experten-Blog des Bucerius-CLP

SWOT-Analyse einmal anders: Zusammensetzung der Anwälte als Erfolgsfaktor bei der Strategie

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Bild: Haufe Online Redaktion

Ausgehend von der SWOT-Analyse als bewährtem Instrument aus dem strategischen Management zur Bestimmung des Ist-Zustands stellt sich die Frage, inwieweit die Zusammensetzung der  „Anwälte einer Kanzlei als Gruppe“ für die Analyse einer Kanzlei eine Rolle spielt.

SWOT bezeichnet die Analyse der Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken (strengths, weaknesses, opportunities, threats) einer Kanzlei im Wege einer Momentaufnahme. Das Wettbewerbsumfeld, die Mandanten und die gesamte Umwelt der Kanzlei werden in der Analyse im Hinblick auf die externen Chancen und Risiken untersucht. Die Analyse der Stärken und Schwächen umfasst hingegen das Innenleben der Kanzlei. Diese beziehen sich in der Regel auf die Gegenwart oder Vergangenheit, wohingegen Chancen und Risiken die Zukunft behandeln.

 Als Grundlage der SWOT-Analyse werden meistens "belastbare" Zahlen, sogenannte „hard facts“ aus dem Kanzleimanagement herangezogen, wie der Umsatz der letzten drei Jahre, die Kostenstruktur sowie Zahlen von Mandanten und Wettbewerbern. Die SWOT-Analyse wird darüber hinaus durch nicht unbedingt messbare Einschätzungen ergänzt. Zu diesen "soft facts" zählen u.a. die Zufriedenheit der Mandanten, die Motivation und Bindung der eigenen Rechtsanwälte an die Kanzlei. Eine weitere nicht messbare, „weiche Einschätzung“ im Hinblick auf das Innenleben der Kanzlei: die Zusammensetzung der Anwälte als Gruppe.

Anwälte als Gruppe - es existieren vier Gruppentypen

Der aus der Sozialforschung kommende Ansatz der Gruppenfelder besagt, dass eine Gruppe dann erfolgreich ist, wenn sie als Ausdruck der gelebten Interaktionsformen und die Aufgabe als Ausdruck der geforderten Interaktionsformen übereinstimmen. Es gibt vier Gruppenfelder, die sich an den Achsen Nähe und Distanz auf der einen (horizontalen) und Dauer und Wechsel auf der anderen (vertikalen) Achse orientieren.

Truppen und Haufen

Befindet sich eine Gruppe im "Dauer-Distanz Quadranten" (rechts oben im Quadrant), ist die Arbeit miteinander häufig geprägt von Sachlichkeit, individueller Arbeitsteilung, Einzelerfolg, Pflicht, Planung und Zielorientierung. Dieser Gruppentyp wird als „Truppe“ bezeichnet. In ihr kommen Individualisten zusammen, die sich einer Führung unterordnen, sofern es dem Zweck der Zusammenarbeit dient. Sie sind sehr sach- und erfolgsorientiert sowie selbstdiszipliniert. Die Truppe ist sehr gut, wenn die zu erledigende Aufgabe in der Generierung von Umsatz und Gewinn besteht (und somit eine Dauer-Distanz Aufgabe ist). Eine weitere Stärke von Kanzleien mit „Truppenstruktur“ liegt darin, dem Mandanten gleichbleibende vorhersehbare Qualität zu liefern. Risiko einer solchen Truppe ist eine gewisse Kälte, Intoleranz und Gnadenlosigkeit im Miteinander, gerade gegenüber (vermeintlich) Schwachen. Und sie müssen lernen, mehr Innovation, Risikobereitschaft und Unternehmergeist in die Rechtsdienstleistung zu legen.

Eine Gruppe wird als „Haufen" bezeichnet, wenn im "Distanz-Wechsel Quadranten" die genannten Werte und Prinzipien aus der Distanzorientierung gepaart sind mit Improvisation, Freiwilligkeit, Flexibilität, Risikobereitschaft und Veränderung aus dem Wechselquadranten (rechts unten). Hier herrscht ein großes Maß an Freiheit und Autonomie. Der Umgang ist gleichermaßen distanziert und unverbindlich. Eine Abstimmung erfolgt nur im Mindestmaß auf ein vorgegebenes Ziel. Der Haufen ist sehr gut, wenn die Aufgaben „Innovation in der Rechtsdienstleistung“ und „das Management von Veränderungen“ umfassen. Gefahr eines Haufens ist es, in Egozentrik und Bindungslosigkeit abzurutschen. 

Team und Gemeinschaft als Gruppe

Befindet sich eine Gruppe im "Wechsel-Nähe Quadranten" (links unten) spricht man von einem „Team“. Es herrschen Werte und Prinzipien wie Menschlichkeit, Kooperation, und Gruppenerfolg, diese sind gekoppelt mit den Werten des Wechsel-Quadranten. Die Mannschaft steht im Mittelpunkt, Flexibilität und Kreativität sind spürbar. Privates und Berufliches darf sich vermischen, was in einer Truppe nicht vorstellbar ist. Ein Team ist sehr gut, wenn es bei der zu erledigenden Aufgabe um eine Gemeinschaftsleistung geht. Teamleistungen in Anwaltskanzleien finden vor allem im Bereich von Transaktionen und großen streitigen Verfahren statt. Die typische Rechtsdienstleistung entspricht jedoch eher einer Distanzaufgabe, die mit Intellekt und für sich allein gelöst wird.

In der sog. „Gemeinschaft“ im "Nähe-Dauer Quadranten" schließlich zählen zu den Werten und Prinzipien des Nähepols zusätzlich Werte aus der Dauerstrebung. In einer Gemeinschaft fühlt man sich wie in einer Familie: geborgen und aufgehoben. Solche Gemeinschaften finden sich in den meisten Fällen im Sozial- und Privatbereich, weniger bei Kanzleien.

Angebotsüberschuss erzeugt Anpassungsdruck für Kanzleien

In den letzten Jahren hat sich das Marktsegment der wirtschaftsberatenden Kanzleien von einem Nachfrageüberhang zu einem Angebotsüberschuss entwickelt. Hieraus entsteht für viele Kanzleien ein Anpassungsdruck, auf den entweder durch Verleugnung oder aber durch Anpassung der Aufgabe an das bestehende Gruppenfeld oder des Gruppenfeldes an die Aufgabe reagiert werden kann.

Am Markt werden somit die Kanzleien erfolgreich sein, die in ihre Kanzleistrategie auch eine Analyse der Gruppenstruktur und der Aufgaben einfließen lassen, um zu bestimmen, mit welchen Personen und welcher Beratungsleistung sie für den Mandanten Mehrwert schaffen und gleichzeitig die interne Personalentwicklung, -bindung, und -zufriedenheit voranbringen wollen. Die sogenannten „soft facts“ werden also eine immer größerer Rolle, auch bei der Strategiebestimmung- und -umsetzung spielen.

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