12.09.2014 | Serie Zeit und Recht

Oscar Pistorius - Showdown in Pretoria

Serienelemente
Der lange Weg zum (1.) Pistorius-Urteil
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Nach einem halben Jahr geht einer der spektakulärsten Mordprozesse der letzten Jahre zu Ende. Zeitweise erinnerten er und sein mediales Echo mehr an eine Filmproduktion, auch bezüglich des Spannungsbogens. Anders als in den meisten Rechtssystemen steht in Südafrika der Schuldspruch erst am Schluss einer quälenden Urteilsverkündigung - nach einem weiteren Cliffhanger folgt das Strafmaß.

Vier Schüsse hatten das Model Reeva Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag 2013 durch die geschlossene Toilettentür getroffen. Der tödliche Schuss drang direkt in ihren Kopf, die 3 weiteren Schüsse durchschlugen ihre rechte Hand, ihren rechten Oberarm und ihre Hüfte. Danach blieben ihr nur noch Sekunden, in denen sie auch nicht mehr habe schreien können.

Dramatische Urteilsverkündigung

So schilderte Richterin Thokozile Masipa bei ihrer Urteilsverkündigung die Ereignisse in der Tatnacht, wie sie sich aus ihrer Sicht zugetragen hatten. Mit der Urteilsverkündigung gegen den beidbeinig amputierten Olympia- und Paralympicsstar Oscar Pistorius steuert der seit einem halben Jahr andauernde Mordprozess auf einen ersten Schlusspunkt zu.

Pistorius war ein armseliger Zeuge

Die Tatschilderung der Richterin folgt weitgehend der Darstellung der Verteidigung. Die Richterin betont, die vernommenen Zeugen hätten sich in wichtigen Punkten widersprochen. Hinsichtlich der Schreie unmittelbar nach den Schüssen glaubt die Richterin nicht, dass das Opfer Reeva Steenkamp noch schreien konnte, sondern dass es Pistorius selbst gewesen sein müsse, der geschrieen habe.

Pistorius selbst sei ein armseliger Zeuge gewesen, der sein Aussageverhalten erkennbar ausschließlich an der Frage ausgerichtet habe, was gerade für ihn vorteilhaft erschien oder nicht. Dieses Aussageverhalten sei aber ebenso wenig ein hinreichender Grund, Pistorius des vorsätzlichen Mordes für schuldig zu halten wie seine charakterlichen Mängel, die sich u.a. in seinem zweifelhaften Verhältnis zu Schusswaffen gezeigt hätten.

Die Sensation: Keine vorsätzliche Tötung

Im Ergebnis sah Masipa den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung nicht als erwiesen an. Masipa verwies in ihrer Urteilsbegründung auf  Widersprüche in Pistorius Aussage, er habe unabsichtlich geschossen, während er andererseits behauptete, wenn er einen Menschen hätte töten wollen, hätte er höher gezielt. Diese beiden Varianten seien weder untereinander in Einklang zu bringen noch seien sie mit der Behauptung, Pistorius habe einen Einbrecher hinter der Toilettentür vermutet und diesen kampfunfähig machen wollen, kompatibel.

Die Richterin zeigte jedoch Verständnis dafür, dass ein Mensch mit einer Behinderung wie der des Angeklagten, sich stärker bedroht fühle als andere und in einer gefühlten Bedrohungslage zu ambivalenten Reaktionen neige.

Die Rechtslage

Das südafrikanische Strafrecht sieht bei Tötungsdelikten verschiedene Abstufungen vor, die das Gericht im Falle Pistorius zu prüfen hatte:

  • Bei direktem Mordvorsatz „Dolus directus“ ist eine lebenslange Gefängnisstrafe zu verhängen. Frühestens nach 25 Jahren kann der Täter begnadigt werden.
  • Bei einer Tötung mit Eventualvorsatz „Dolus eventualis“ (Totschlag) sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von mindestens 15 Jahren vor.
  • Die fahrlässige Tötung kann nach dem Ermessen des Gerichts mit zeitlicher Freiheitsstrafe oder mit Geldstrafe oder Gemeindearbeit geahndet werden. 

Schlittert der High Court von Pretoria in einen Justizskandal?

Zwischen diesen rechtlichen Varianten hatte das Gericht zu entscheiden und hat zur Überraschung vieler südafrikanischer Juristen den Angeklagten vom Vorwurf des Mordes und des Totschlags freigesprochen.

Südafrikanische Strafrechtler werfen bereits die Frage auf, wie man absichtlich vier Schüsse auf die geschlossene Tür einer Toilette abfeuern kann und dabei nicht in Kauf nimmt, dass der dahinter befindliche Mensch möglicherweise getötet wird. Zunächst äußern die Kritiker sich noch vorsichtig. Die Kritik ist brisant: Richterin Masipa ist erst die zweite schwarze Richterin am High Court in Südafrika.

Es hat  durchaus symbolischen Charakter, dass eine schwarze Richterin aus eher ärmlichen Verhältnissen nun über einen reichen weißen Megastar urteilte. Vor diesem Hintergrund wäre es für das Justizsystem in Südafrika nicht förderlich, würde aus dem Mordskandal um Oscar Pistorius nun auch noch ein Justizskandal werden. Der Juraprofessor Grant Wits deutet aber bereits an, dass bei einem offensichtlichen Rechtsfehler der Staat das Urteil der Richterin anfechten kann.

Pistorius bleibt vorerst frei

Der Prozess endete im Ergebnis also mit einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung gegenüber Reeva Steenkamp sowie wegen Verletzung des Waffengesetzes bei einem Vorfall im Restaurant Tasha's, bei dem Pistorius einem Tischnachbarn in den Fuß geschossen hatte. In beiden Fällen ist eine Bewährungsstrafe oder eine mehrjährige Freiheitsstrafe möglich.

Die Entscheidung über die Höhe und die Art der Strafe steht noch aus; insofern ist der Prozess noch immer nicht zu Ende. 

Vorerst gegen Kaution

Auch nach seiner Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp bleibt Oscar Pistorius auf Kaution frei. Richterin Masipa sieht keine Fluchtgefahr. Das war abzusehen, da hinsichtlich der zu erwartenden Strafen die Fluchtgefahr deutlich gesunken ist, Pistorius könnte ja bald wieder ein freier Mann sein.

Und wie geht es der Familie des getöteten Models? Die Angehörigen und Freunde, die in großer Zahl im Gerichtssaal der Urteilsverkündung folgten, sind einfach nur geschockt. Und Pistorius selbst? Er hat das Anwesen, in dem alles passiert ist, seither nie mehr betreten. Inzwischen hat er der das Haus verkauft. Auch er wird nicht einfach in sein bisheriges Leben zurück kehren können.

Schlagworte zum Thema:  Prozess

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