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Legal Technologies, also digital getriebene Automatisierungsprozesse, sollen die Zeiten zwischen Mandatsannahme und Abschluss eines Falles verkürzen und  kanzleiinterne Prozesse verschlanken. Bestmögliche Ressourcennutzung ist für gewinnorientierte Einheiten allerdings kein Neuland, doch durch die rasanten Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz könnte Legal Tech den Rechtsmarkt revolutionieren.

Definition Legal Tech

Legal Tech - als Kurzform von Legal Technology – ist eine Sammelbezeichnung für alle in der Rechtsbranche eingesetzten digitalen Technologien.

Dieses Segment umfasst ein weites Spektrum und beinhaltet neben traditionell eingesetzter Software zur Unterstützung der Kanzleiorganisation in den Bereichen Buchhaltung, Dokumenten oder Rechnungswesen auch Onlinedienste, die standardisierte Rechtsfragen übernehmen oder in der Gestaltung und Fortentwicklung hochkomplexe Anwendungen wie Chatbots (mit realem Mensch kommunizierendes Computerprogramm), die mit Hilfe künstlicher Intelligenz auch klassischerweise dem Menschen vorbehaltene Denkprozesse automatisieren können.

Legal Tech in Deutschland steht erst am Anfang

Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat die Rechtsbranche in Deutschland erreicht und droht diese – glaubt man einigen Medienberichten – nachhaltig zu erschüttern. Zumindest könnten die Veränderungen in den USA Vorbote einer solchen Entwicklung in Deutschland sein:

  • Dort haben Legal Technologies den Rechtsmarkt bereits einschneidend verändert,
  • was auch daran liegen mag, dass das stark an Präzedenzfällen orientierte „Case Law" Rechnern die Subsumtion erleichtert.
Denn Parallelen im Sachverhalt zwischen einem bereits und einem noch nicht entschiedenen Fall herauszuarbeiten, gestaltet sich computertechnisch einfacher als eine Simulation der auch am schwer programmierbaren menschlichen Gerechtigkeitsempfinden orientierten Gesetzesauslegung. 

In USA ermöglicht Legal Tech vielen erst Zugang zum Recht

Die Anwälte in Übersee begegnen der neuen Entwicklung eher mit Applaus als mit Skepsis, vielerorts gewinnt das Motto "Protect the public, not the profession!" an Beliebtheit. Schließlich ist vielen Menschen in den USA angesichts der Kosten anwaltlicher Beratung der Rechtsweg in zahlreichen Fällen versperrt, erst kostengünstige Software durchbricht diese Barriere und ermöglicht den Zugang zum Recht.

Deutsche Anwälte sind eher verunsichert durch Legal Tech

Die neuesten Entwicklungen wecken bei deutschen Juristen indes teilweise die Befürchtung, von der Rechts-Digitalisierung entbehrlich gemacht zu werden. Zwar steht Legal Tech in Deutschland noch relativ am Anfang: Während der Tech-Index der Jurafakultät in Stanford für die USA 859 Legal-Tech-Unternehmen zählt, listet eine vergleichbare deutsche Datenbank nur 160 Unternehmen auf. Das Wörtchen Legal Tech ist jedoch seit seiner Verfestigung im Jahr 2016 fortwährend in aller Munde und aus medialer Berichterstattung und Fachdiskussionen nicht mehr wegzudenken.

Möglichkeiten und Chancen für den Kanzleibetrieb

Mit einiger Wahrscheinlichkeit werden neue Entwicklungen im Bereich der Legal Technologies in den nächsten Jahren erhebliche Veränderungen bringen, auch weil die rechtlichen Vorgaben zum Elektronischen Rechtsverkehr (ERV) diesen Wandel möglicherweise beschleunigen werden, sollte das elektronischen Anwaltspostfach im September den Neustart schaffen

Auch anwaltliche Arbeitsabläufe werden sich ändern:

  • (Noch mehr) Manuelles wird digitalisiert.
  • Die Auswertung von Vertragswerken lässt sich gehäuft automatisieren,
  • das Subsumieren standardisierbarer Rechtsfragen übernehmen Programme.
  • Der Anwalt als Softwareanwender wird vom unmittelbar Dienstleistenden zum Dienstleistungsüberwacher.

Anwälte sollten sich bei Legal Tech nicht abhängen lassen

Wenn neue Tools Kostenersparnisse versprechen und bringen, schlägt dies auf die Erwartungshaltung des Mandanten durch: Manche Dienste sollen Morgen schneller und/oder günstiger als heute erbracht werden. Das bedeutet mehr Wettbewerb.

Verschärft könnte hinzukommen, dass mancher ausländische Wettbewerber aggressiv und werbewirksam in den deutschen Rechtsmarkt dringt. Die Sammelklage des britischen Rechtsdienstleisters MyRight in Kooperation mit der international agierenden Kanzlei Hausfeld im Zusammenhang mit der Diesel-Affäre bei VW mag als Vorbote dafür dienen, wie schwer die Mandantenakquise in Fällen einer Vielzahl Geschädigter für kleinere Player in Zukunft werden könnte.

Wie schnell die Legal-Tech-Entwicklung tatsächlich fortschreiten wird, ist noch nicht abzusehen. Wer aber bei Arbeitsabläufen per se auf „bekannt und bewährt“ setzt, wird mittelfristig unter Druck geraten, ganz zu schweigen von möglichen Imageschäden.

  • Wettbewerbsfähig ist und bleibt, wer theoretisch machbare und wirtschaftlich umsetzbare Automatisierungsmöglichkeiten umsetzt.
  • Die Einstellung innovationsfreudiger und IT-affiner Mitarbeiter oder einer digitalen Mobilisierung der bestehenden Mannschaft durch entsprechende Fortbildung wird diesem Vorhaben dienlich sein.  

Anwaltskanzlei 4.0: Bedeutung von Legal Tech im Kanzleialltag steigt

Dass die Bedeutung von Legal Tech stetig wächst, ist schon seit einiger Zeit zu beobachten: So hat die Berliner Humboldt-Universität eine Forschungsstelle zu Legal Tech eingerichtet, das Legal Tech-Center an der Viadrina in Frankfurt an der Oder bietet durch Workshops und Events ein Forum für gegenseitigen Austausch. Wie bereits erwähnt steigt ferner die Anzahl an Neugründungen, die journalistische Begleitung des Themas durch eine eigenständige Blogszene befeuert diese Entwicklung.

  • Das Thema Legal Tech betrifft dabei nicht nur Großkanzleien, die z.B. Mietverträge im Rahmen großer Transaktionen auf problematische Klauseln oder Kündigungsfristen ausleuchten lassen.
  • Auch kleinere Kanzleien oder Einzelanwälte haben die Chance, Prozesse zu verschlanken und Kosten zu sparen. Denn moderne Lösungen können die anwaltliche Arbeit jeder Kanzlei vereinfachen und somit beschleunigen.

Ob weitgehend papierfreie Aktenführung, bereits vielfach im Einsatz befindliche Spracherkennungssoftware oder digitale Rechtsrecherche: Bereits jetzt bestimmen den Kanzleialttag neben der Kanzleisoftware

  • überregionale Online-Akquise,
  • Kooperationsplattformen,
  • Recherche-Tools und intelligente Informationsextraktion,
  • Fortbildung durch E-Learning im Netz an Stelle von zeitaufwändigeren Präsenzseminaren

die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit vieler Kanzleien. 

Die Digitalisierung hält darüber hinaus in Rechtsabteilungen oder der Justiz Einzug. Der elektronische Rechtsverkehr nimmt Fahrt auf, das beA-Drama hat diese Entwicklung nur vorübergehend gebremst.  

(-> Legal Tech im Kanzleialltag – die Digitalisierung ist längst da)

Schlagworte zum Thema:  Recht, Automatisierung, Ressource, Entwicklung, Kanzleiorganisation, Anwalt, Legal Tech, Digitalisierung, Kanzlei

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