17.08.2014 | Serie Colours of law

Ortstermin auf der Gorch Fock - der ungeklärte Tod einer Kadettin

Serienelemente
Offiziersanwärterin Jenny Böken ging unter ungeklärten Umständen über Bord - das beschäftigt weiter die Gerichte
Bild: Haufe Online Redaktion

Einen Schuldigen finden – das scheint eine reflexhafte menschlich Reaktion zu sein, die immer dann Aktivitäten fordert, wenn etwas Schreckliches passiert ist. Und es war etwas Schreckliches passiert, als die 18 Jahre alte Offiziersanwärterin Jenny Böken am 3.8.2008 von der Gorch Fock ins Meer stürzte.

Etwa 15 km vor der Nordseeinsel Norderney hatte die junge Kedettin die Aufgabe, Nachtwache zu halten. Vom Vorderdeck der Gorch Fock aus hielt sie Ausschau auf's Meer. Die See war in der Nacht vom 3. auf den 4. September ausgesprochen unruhig. Jenny Böken stürzte aus ungeklärter Ursache über die Reling des Schiffes und wurde 2 Wochen später tot aus dem Meer geborgen. Seither führen die Eltern einen schier ausweglosen Kampf, mit dem Ziel die Unfallursache und die genaue Abfolge des Geschehens zu klären – und es gibt da durchaus einige Ungereimtheiten.

Aufklärung unzureichend

Der StA ist es nicht gelungen, für einige bemerkenswerte Auffälligkeiten Erklärungen zu finden:

  • Jenny Böken trug, als sie tot im Wasser aufgefunden wurde, keine Fußbekleidung, obwohl während des Dienstes das Tragen eng anliegender Schnürstiefel vorgeschrieben ist.
  • Jenny Böken trug auch keine Schwimmweste, obwohl das Tragen einer Schwimmweste bei schwerer See und bei einer Wassertemperatur von nicht über 15° zwingend vorgegeben ist.
  • Die Marine sprach zunächst von ruhiger See und 17° Wassertemperatur; die Besatzung der Rettungsboote berichtete dann von 3,5 m hohen Wellen und nur 15° Wassertemperatur.
  • Laut Obduktionsbericht wurde bei der Leiche kein Wasser in der Lunge gefunden, was ein Ertrinken eigentlich ausschließt.

War Jenny Böken schon vorher tot?

Die verbliebenen Ungereimtheiten gaben zu allerlei Spekulationen Anlass. Nicht völlig absurd scheint die Frage zu sein, ob Jenny Böken möglicherweise bereits vor ihrem Sturz ins Wasser tot oder zumindest bewusstlos war.

Antrag der Eltern auf eine Wiederaufnahme abgelehnt

Die StA jedenfalls hat auf diese Fragen keine Antwort gefunden und spricht von einem tragischen Unglücksfall. Sie hat die Ermittlungen eingestellt und verweigerte sich auch im Jahre 2011 dem Antrag der Eltern auf eine Wiederaufnahme des Falles.

Zwei von den Eltern angestrebte Klageerzwingungsverfahren scheiterten vor dem OLG Schleswig. Die Eltern witterten Kumpanei der Besatzung und haben Verfassungsbeschwerde eingelegt. Das Bundesverfassungsgericht wird deshalb darüber zu befinden haben, ob gegen den damaligen Kommandanten der Gorch Fock wegen fahrlässiger Tötung ermittelt werden muss.

Schwere Ermittlungsfehler

Fachleute halten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zumindest teilweise für fehlerhaft. Unverständlich bleibt, aus welchen Gründen wichtige Crew-Mitglieder nicht vernommen wurden. Eine Sanitätsoffiziersanwärterin, die Jenny Böken in der Unglücksnacht hätte ablösen sollen und zum Unglückszeitpunkt bereits an Deck hätte sein müssen, wurde von der Staatsanwaltschaft nicht gehört, obwohl alle anderen an Deck befindlichen Posten sich zu sich diesem Zeitpunkt bereits in Begleitung ihrer jeweiligen Ablöseperson befanden.

Maßgebliche Rolle nun beim VG Aachen

Jetzt kämpfen die Eltern beim VG Aachen um Zahlung einer Entschädigung von 40.000 EUR von der Bundesrepublik. Es gehe ihnen nicht ums Geld, betonen sie. Man ist geneigt, es ihnen zu glauben. Es geht ihnen wohl eher um die Feststellung einer Verantwortlichkeit, einer Schuld für den tragischen Geschehensablauf.

Ortstermin des VG

Am 6.8.2014  hat das VG nun einen Ortstermin auf der Gorch Fock abgehalten. Das Gericht prüft einen Entschädigungsanspruch nach dem  SoldVersG. Die Zuerkennung eines solchen Anspruchs setzt voraus, dass Jenny Böken in jener Nacht einer besonderen Lebensgefahr ausgesetzt war. Das Gericht lässt bei seinen Ermittlungen große Sorgfalt und Ernsthaftigkeit erkennen.

Es selbst hat die Höhe der Reling vermessen. Ob es dem VG gelingt – womöglich mit Hilfe von Sachverständigen – die Gefahrensituation auf der Gorch Fock in der Nacht zum 4.9.2008 nachträglich zu erhellen und die Gefahrendichte abzuschätzen, bleibt abzuwarten.

Was noch kommt

Die Eltern werden so oder so keine Ruhe geben. Ihnen wäre es am liebsten wenn die StA die Ermittlungen wieder aufnehmen würde. Die Mutter hat bereits ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter eine Stiftung gegründet, die sich um die Hinterbliebenen verunglückter und gefallener Bundeswehrangehöriger kümmert. Die Stiftung trägt den Namen „Jenny Böken“. Der Glanz des einst so prestigeträchtigen Gorch Fock ist – zumindest in der Meinung der Öffentlichkeit – deutlich blasser geworden.

Schlagworte zum Thema:  Fahrlässigkeit, Grobe Fahrlässigkeit, Amtshaftung, Jurisprudenz, Justiz, Juristen, Urteil, Richter

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