Das Schreckgespenst von Vielen in der freien Anwaltschaft: Legal-Tech in Reinkultur und der Algorithmus als erster Rechtsberater. Eine neue Studie in den USA soll belegen, dass Computer die Rechtsberatung deutlich besser drauf' haben als Top-Anwälte. Science-fiction oder schon bald Realität?

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Jetzt rückt die Vision der Rechtsberatung durch Algorithmen bedrohlich nahe.

Versuche in den USA sollen eine deutliche Überlegenheit der künstlichen Intelligenz gegenüber dem ausgebildeten menschlichen Juristen belegen.

Legal Tech und Algorithmen zur Vertragsanalyse

Die Zahl der Studien, die beweisen wollen, dass auch viele Juristen durch entsprechende Technologien entbehrlich werden könnten, wächst zusehends. Nahezu spektakulär ist eine neue Studie der US-Plattform „LawGeex“, die in einem Experiment nachgewiesen zu haben behauptet, dass ein Algorithmus Vertragstexte um ein Vielfaches schneller und auch um ein Vielfaches genauer überprüfen, analysieren und auswerten kann, als ein gelernter Jurist.

Vertragsanalyse-Experiment: Algorithmen arbeiten schneller und exakter

„LawGeex“ hat gemeinsam mit Professoren der Standford University, der University of Southern California und der Duke University School of Law  ein Experiment durchgeführt, bei dem sich ein Algorithmus mit Top-Anwälten messen musste.

  • 20 Anwälte erhielten die Aufgabe, 5 „Non-disclosure agreements“ (Geheimhaltungsverträge) zu überprüfen
  •  und darin 30 versteckte rechtliche Probleme zu identifizieren.
  • Die Anwälte benötigen im Schnitt mehr als eineinhalb Stunden und erkannten durchschnittlich 85 % der Rechtsprobleme.
  • Der Algorithmus erreichte eine Genauigkeit bei der Problemerkennung von 94 % und benötigte dafür exakt 26 Sekunden.

Bei dieser ernüchternden Ergebnis scheint es nur ein schwacher Trost, dass beim amerikanischen Case Law die IT in den USA etwas Vorsprung gegenüber deutschem Recht haben dürfte.

Der Vorsprung des Menschen schrumpft

Ob dies erst der Anfang dessen ist, was künftig möglich sein wird, ist schwer vorherzusagen. Die Analyse von Standardverträgen könnte im Idealfall überlasteten Anwaltskanzleien helfen, bestimmte Aufgaben schneller zu erfüllen und den Anwälten Freiräume für die Erledigung schwieriger Arbeiten schaffen. Die Angst, dass Algorithmen früher oder später auch  schwierige juristische Probleme besser lösen können als gelernte Juristen, ist in Diskussionsrunden zum Thema aber schon deutlich zu spüren.

Steht der Anwaltsberuf vor einem Paradigmenwechsel?

Das Experiment von LawGeex steht nicht alleine da. Bereits 2016 hat die IT-Firma „Leverton“ in Berlin einen ähnlichen Versuch durchgeführt. Eine von dem Unternehmen eigens entwickelte Legal-Tech-Software soll in der Lage sein, auf bestimmten Rechtsgebieten auch schwierige Rechtsfragen zu beantworten. Dies ist nicht mehr nur „smart contract“ von Standardverträgen, sondern könnte eine Revolution des Juristenberuf einleiten. Die Software wird zurzeit zwar noch von Juristen gesteuert, bald wird aber auch das möglicherweise nicht mehr erforderlich sein.

Rechtsanalyse durch Algorithmen ist längst Realität

Legal Tech erobert langsam aber sicher den Rechtsalltag. Online-Portale wie „Flugrecht.de“, „Geblitzt.de“ oder „Helpcheck.de“ sind schnell, preiswert und verhelfen den Usern häufig auf effiziente Weise zu ihrem Recht zu kommen, beispielsweise zu einer Entschädigung  bei Flugverspätungen. Das Rechtsdienstleistungsgesetz behält die Rechtsberatung zwar immer noch im wesentlichen ausgebildeten Rechtsanwälten vor, Legal Tech ist aber längst Realität und wird damit auf Dauer nicht aufzuhalten sein, auch wenn viele dieser Gründungen noch rote Zahlen schreiben.

Jobkiller für Juristen?

Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass nicht nur viele ärmere Menschen durch Legal Tech besseren Zugang zum Recht erlangen werden, sondern dass bereits in absehbarer Zeit 50 % der Aufgaben, die in größeren Kanzleien heute noch von einsteigenden Juristen erledigt werden, von Algorithmen übernommen werden können.

Dies ist auch eine Prognose, die die „Bucerius Law School“ und die „Boston Consulting Group“ bereits Anfang 2016 veröffentlicht haben.

Algorithmen können Erfolgsaussichten von Klagen abschätzen

Die Zahl der IT-Unternehmen, die Rechtsberatung auf bestimmten Gebieten schneller, günstiger und transparenter als Anwälte anbieten können, wächst. Interessant ist die Software zur Zeit insbesondere  bei Fällen mit geringen Streitwerten. Ein Algorithmus ist beispielsweise in der Lage, nach Eingabe der entsprechenden Informationen innerhalb weniger Sekunden die Erfolgsaussichten einer Klage auf Entschädigung bei der Verletzung von Fluggastrechten abzuschätzen.

Robots don`t need coffee

Aber auch bei umfangreichen, schwierigen Verträgen hat die Software schon jetzt mitunter deutliche Vorteile was Schnelligkeit und Exaktheit betrifft.  Außerdem sind Algorithmen auch genügsamer als Rechtsanwälte. Während die menschlichen Juristen bei dem „LawGeex“-Experiment jede Menge Kaffee konsumierten, lautete das Resümee für den Algorithmus: „Robots don`t need coffee“.

Gefahr auch für den Richterberuf?

Der Algorithmus als Rechtsanwalt: Wenn das die Zukunft ist, so wird dies die Farbe des Rechts stärker beeinflussen als alles bisher Dagewesene. Wenn der Anwalt durch den Algorithmus ersetzt werden kann, dann kann es vielleicht auch der Richter. Bisher herrscht unter Juristen zwar die Meinung vor, dass Computer kein Recht sprechen können, dennoch gehen Zukunftsforscher davon aus, dass insbesondere in Standardfällen Algorithmen möglicherweise schon bald in der Lage sein werden, Gesetze exakter anzuwenden als dies ein menschlicher Richter könnte.

Die menschliche Komponente bleibt unentbehrlich

Die neue Technik wirft aber auch viele Fragen auf. Ob einem Delinquenten die Einsicht in von ihm begangenes Unrecht durch eine Maschine nachhaltig vermittelt werden könnte, erscheint zumindest zweifelhaft und ob eine Scheidungsmandantin ein gutes Gefühl hat, wenn ihr bei der Schilderung ihrer Eheprobleme nur eine Maschine zuhört, ist ebenso fraglich. Legal Tech wird in Zukunft sicher immer mehr Raum einnehmen, auch vielen Menschen Zugang zum Recht ermöglichen, die diesen bisher nicht ohne Weiteres hatten,  menschliche Juristerei völlig ersetzen wird es eher nicht.

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