| Fachanwaltstitel

Keine Alte-Hasen-Regel bei der Fachanwaltsverleihung

Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Allgemeinanwälte, die schon lange im Beruf tätig sind, spüren die Konkurrenz der Fachanwälte. Manch Altgedienter denkt über den Erwerb des Fachanwaltstitels in den eigenen Spezialgebieten nach. Wer sich letztlich dazu entscheidet, muss sich auf einen harten Parcours einstellen. Vor allem sollten ältere Anwälte bei theoretischen Kenntnissen nicht auf Vorschusslorbeeren seitens der Kammern setzen.

Das langjährige Berufspraxis nicht viel in diesem Kontext zählt, hat ein im Insolvenzrecht tätiger Anwalt vor dem Anwaltsgerichtshof (AGH) Berlin leidvoll erfahren. Dieser war vielfach als Insolvenzverwalter bestellt worden. Statt allerdings einen Fachanwaltskurs zu belegen, hatte er unter Beifügung der erforderlichen Fälle bei der zuständigen Rechtsanwaltskammer seine Ernennung zum Fachanwalt für Insolvenzrecht beantragt.

Die erforderlichen besonderen theoretischen Kenntnisse ergäben sich bereits aus dem Umstand, dass er in der Vergangenheit entsprechend häufig als Insolvenzverwalter beauftragt worden sei.

 

120 Theoriestunden sind die Regel - ohne Lehrgang geht nix

Nach § 4 der Fachanwaltsordnung setzt der Erwerb besonderer theoretischer Kenntnisse in der Regel voraus, dass der Antragsteller an einem auf die Fachanwaltsbezeichnung vorbereitenden anwaltsspezifischen Lehrgang teilgenommen hat, der alle relevanten Bereiche des Fachgebiets umfasst.

Die Gesamtdauer des Lehrgangs muss, Leistungskontrollen nicht eingerechnet, mindestens 120 Zeitstunden betragen. Außerhalb eines Lehrgangs erworbene besondere theoretische Kenntnisse müssen dem im jeweiligen Fachlehrgang zu vermittelnden Wissen entsprechen. Und in § 14 sind im Einzelnen diverse Teilrechtsgebiete aufgelistet, über die ein Fachanwalt für Insolvenzrecht verfügen muss.

 

Mandanten sollen auf sicheres Wissen vertrauen können

Nachdem die Rechtsanwaltskammer dem Bewerber die Ernennung zum Fachanwalt für Insolvenzrecht verweigert hat, zog dieser vor Gericht. Doch das AGH Berlin zeigte dem Bewerber die kalte Schulter:

Eine vielfache Bestellung eines Rechtsanwalts zum Insolvenzverwalter begründe keine Vermutung hinreichender theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiet des Insolvenzrechts.

Das Folge zum einen aus dem Wortlaut des § 14 FAO sowie aus dem Sinn und Zweck der Fachanwaltsbezeichnung überhaupt, wonach der Rechtsratsuchende darauf vertrauen soll, dass der von ihm beauftragte Fachanwalt sichere Kenntnisse in dem gesamten nachgesuchten Fachbereich habe.

 

Gesetzgeber will keine Alte-Hasen-Regelung

Eine Rechtsanwaltskammer sei nicht verpflichtet, auf Grund der vielfachen Bestellung eines Antragstellers zum Insolvenzverwalter das Vorhandensein hinreichender theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiet des Insolvenzrechtes zu vermuten. Die einschlägigen Vorschriften würden vielmehr deutlich zwischen den praktischen Erfahrungen und den theoretischen Kenntnissen unterscheiden.

Die Zweiteilung wäre hinfällig, wäre es zulässig, von den praktischen Erfahrungen Schlussfolgerungen auf die theoretischen Kenntnissen zu ziehen. Ansonsten würde das der Einführung einer sog. „Alten-Hasen-Regelung" gleichkommen, die der Gesetzgeber gerade habe vermeiden wollen.

(AGH Berlin, Urteil v. 21.11.2011, I AGH 6/10).


Schlagworte zum Thema:  Fachanwaltstitel, Lehrgang, Fachanwalt

Aktuell

Meistgelesen