02.12.2015 | Serie Kanzleiprofil

Goodby lonesome rider - naht das Ende des Einzelanwalts?

Serienelemente
Zusammen ist man weniger allein - gilt das auch für Anwälte?
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Totgesagte leben länger - doch für die lonesome rider unter den Anwälten wird die Luft tatsächlich immer dünner. Noch sind zwar weit über 50 Prozent aller zugelassenen Anwältinnen und Anwälte als Einzelkämpfer tätig. Doch wie lange noch? Steigende Kosten und bestenfalls stagnierende Umsätze machen den Rückzug aus der Selbstständigkeit in vielen Fällen nahezu alternativlos.

Es gibt sie, die gut vernetzten und anerkannten "Bilderbuch"anwälte, die sich am richtigen Ort zur richtigen Zeit etabliert haben und solide aufgestellt sind. Doch es fragt sich: Wie lange noch und wer kann es ihnen noch nachmachen?  Neben dem Platzhirschefaktor großer Kanzleien ist ein drohendes k.o.-Kriterium für Einsteiger und "Schwächelnde" das Überangebot in den gängigen Rechtsgebieten wie Miet-, Familien-, Verkehrs und Arbeitsrecht.

Kardinalfehler: auf das falsche Pferd setzen 

Junge Anwälte, die in diese klassischen Felder des Verbraucherrechts nachrücken, begehen hier meistens ihren ersten Kardinalfehler: Sie setzen auf das falsche Pferd. Denn fatalerweie sind die Streitwerte der meisten dieser Mandate so niedrig, dass etwaige positiv erstrittene Ergebnisse für den Mandanten oft sogar durch das Anwaltshonorar aufgesogen werden. Damit wird die anwaltliche Dienstleistung für den Mandanten sinnlos. Das senkt die Bindungswirkung eines partiell erfolgreich geführten Verfahrens und wird immer mehr auch Allegemeinwissen.

Sozietäten haben niedrigere Kostenquote

Die Folge: Viele Mandanten drehen der Anwaltschaft den Rücken zu. Das verkleinert wiederum den verteilbaren Gesamtkuchen. Mit Gewinn können da am Ende des Tages nur größere Sozietäten arbeiten, weil sie durch hohe Fallzahlen und eine niedrigere Kostenquote im Vergleich zu Einzelanwälten ihre betriebswirtschaftlichen Vorteile voll ausspielen können.

Auch die größere Existenzsicherheit schlägt sich nicht nur auf die zielsichere Mandentenauswahl, sondern auch auf die Selbstsicherheit  gegenüber Gegner und Mandschaft in verschiedenen Situationen nieder. Das erleichtert Auftreten und stärkt das Durchsetzungsvermögen. 

Hohe Qualität zu günstigen Preisen

Aber selbst die großen Sozietäten sehen sich einem gesteigerten Kostenbewusstsein der Mandanten gegenüber. Einzelkämpfer beobachten zudem, dass Mandanten durch das Internet besser informiert sind und in der Folge eine hohe Qualität zu günstigen Preisen verlangen. Damit wird es selbst für den Spezialisten immer schwerer, seine Nische und damit höhere Preise zu halten.

Recht als Massengeschäft

Das anwaltliche Tarifrecht in Form des RVG wird durch die (digitale) Realität immer weiter ausgehöhlt. Selbst wenn der Gesetzgeber die „Gebührensätze“ automatisch alle paar Jahre anpasste, wäre das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn das Anwaltsmonopol bei der Rechtsberatung nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz besteht teilweise nur noch auf dem Papier. In der Zwischenzeit ist ein riesiger Serviceapparat der Rechtsschutzversicherungen entstanden. Tochter- oder Fremdgesellschaften arbeiten die Rechtsfragen im Massenverfahren ab.

Verdrängungswettbewerb noch nicht auf dem Höhepunkt

Fällt in Zukunft auch noch das Sozietätsverbot mit den nicht verkammerten Berufen, führt das zu einer Aufhebung des Fremdbesitzverbots und damit einer weiteren Verwässerung des Rechtsdienstleistungsgesetzes. Für Einzelanwälte ist auch das keine gute Nachricht. Fremdkapitalgeber dürften sich nämlich eher in große Kanzleieinheiten einkaufen – und dies schon allein deshalb, um das Insolvenzrisiko zu minimieren. Wo aber letztlich allein das Kapital regiert, kommt es zu einem Verdrängungswettbewerb. Ob dieser im Allgemeininteresse liegt, ist zunächst einmal eine politische Frage.    

Vgl. zu dem Thema auch:

Vom Generalist zum Spezialist

Kanzleigründung in der Nische

Verdammt zum Erfolg - Wachstum in der Kanzlei

aber auch:

2-Klassen-Rechtsgesellschaft

Schlagworte zum Thema:  Rechtsanwalt, Kanzleiorganisation, Kanzlei

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