07.10.2014 | Serie Kanzleimanagement Experten-Blog des Bucerius-CLP

Für kleinere Kanzleieinheiten, insbesondere Boutiquen, ist Netzwerken existenziell

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Bild: Haufe Online Redaktion

Lange Zeit galten Anwälte eher als Einzelkämpfer. Sie traten selten als Herdentiere auf und waren auch nicht als Netzwerker par excellence bekannt. Wieso es nicht mehr wirklich sinnvoll ist, diesen Einzelgänger-Status zu kultivieren und warum heute gerade für kleinere Kanzleieinheiten Zusammenschlüsse angesagt sind, beschreibt unser heutiger Blog....

Wieso gab es und gibt es also nach wie vor - gerade unter deutschen Anwälten - so viele Vorbehalte gegen Netzwerken, d.h. konkret gemeinsame Sache zu machen, sei es bei bestehenden oder zu erschließenden Aufträgen?

Netzwerk = Cliquenwirtschaft?

Nicht selten schwingt bei der Verwendung des Begriffs "Netzwerk" ein Beigeschmack mit, von wegen Vetternwirtschaft oder Cliquenwirtschaft und noch häufiger kommt der Gedanke auf: Was ist, wenn mir der jetzige Netzwerkfreund plötzlich zum bitteren Konkurrent und Widersacher beim Kampf um ein Mandat wird? Wenn man sich auf die ursprüngliche Idee und Definition von „Netzwerk“ besinnt, kann diese Angst schnell ausgeräumt werden.

Was ist unter einem Netzwerk zu verstehen?

Netzwerke sind „Zusammenschlüsse von Gleichgesinnten mit dem Ziel, gemeinsame Interessen besser zu vertreten als allein und somit den Einfluss des Einzelnen zu optimieren. Damit werden Handlungsspielräume erweitert und letztendlich entsteht dadurch auch mehr Macht“ (so definiert es Johanna Busmann in ihrem Buch "Chefsache Mandantenakquisition").

Wenn man sich die aktuellen Trends auf dem Rechtsmarkt anschaut, wird bald klar: „Nur gemeinsam ist man stark“. Dies wird insbesondere für spezialisierte Boutiquen gelten. Und diesen wird laut einschlägiger Literatur (z.B. Prof. Dr. Thomas Wegerich in seinem mit Markus Hartung herausgegebenen Buch "Der Rechtsmarkt in Deutschland") ein hohes Entwicklungspotential zugestanden. Es gibt ca. 4100 Boutiquen mit einem Marktanteil von 10,2 % sowie einem Umsatzanteil von 20,7 % - damit liegen kleinere Kanzleien durchaus im Trend.

Netzwerken ist für kleine Kanzleieinheiten von existenzieller Bedeutung

Warum brauchen solche kleineren Einheiten und insbesondere Kanzlei-Boutiquen ein Netzwerk? Sie sind sehr spezialisiert und können daher i.d.R. keine langfristigen umfassenden Mandantenbeziehungen aufbauen – man beauftragt Boutiquen, wenn es ein Spezialproblem gibt, aber nicht als allgemeinen Consigliere oder Trusted Advisor. Und weil dies der Fall ist, liegt der Netzwerkgedanke auf der Hand. Denn nur so kann eine Rundum-Versorgung des Mandanten stattfinden. Somit kann die spezialisiert arbeitende IP-Boutique einer ebenso spezialisiert arbeitenden Gesellschaftsrechtsboutique zuarbeiten und vice versa. 

Netzwerken mit anderen Professionen

Nicht nur mit Anwälten kann der Netzwerkgedanke gepflegt werden, sondern auch mit (potentiellen) Mandanten. Zugenommen hat in den letzten Jahren zudem die Kooperation von Anwälten mit Unternehmensberatungen wahlweise mit oder ohne PR-Agenturen. Und auch ein fallweiser Zusammenschluss mit einem Architekturbüro oder einem Arzt kann Sinn machen, wo es um ein diffiziles baurechtliches Problem oder sehr spezielle medizinrechtliche Fragen geht.

Was spricht für Zusammenschlüsse?

Aus welchen Beweggründen schließen sich Anwälte also zusammen? Sie wollen sich breiter aufstellen und damit auch besser von potentiellen Mandanten gefunden werden. Sie wollen grenzüberschreitende und größere Projekte stemmen, die ihnen sonst nicht vergönnt wären. Beispiele für Netzwerke sind deshalb solche mit stark fachlichem Bezug oder internationalem bzw.  europäischem Kontext.

So gibt es seit jeher in der GRUR einen fundierten Austausch über fachliche Themen im gewerblichen Rechtsschutz oder im Netzwerk deutscher Erbrechtsexperten ein hohes Maß an gemeinsamen Fachveröffentlichungen. L&E Global, 2011 initiiert u.a. von der deutschen Arbeitsrechtsboutique Pusch Wahlig, bietet arbeitsrechtliche Beratung auf demselben fachlichen Niveau mit weit über 1000 Anwälten an über 15 Standorten in vielen europäischen Ländern, aber auch den USA und Australien an. Damit können grenzüberschreitende Projekte wie beispielsweise Restrukturierungen, die sonst vielleicht nur größeren Einheiten vorbehalten wären, durchgeführt werden.

Netzwerke für kleinere Kanzleien mit europäischer Ausrichtung

Netzwerke für kleinere Kanzleien mit europäischer Ausrichtung sind die DIRO, die seit 1992 besteht und nunmehr rund 180 Kanzleien mit 1400 Berufsträgern umfasst. Besonderes Merkmal: der größte Teil der Mitgliedschaft ist nach einem DIN ISO Standard zertifiziert und gewährleistet somit gleichbleibend hohe Beratungsqualität. Das europaweit tätige Netzwerk Eurojuris bietet noch mehr internationale Kontakte, laut deren Website werden weltweit Kontakte zu etwa 5.000 Anwälten in 50 Ländern bereit gestellt. Und dann gibt es ja auch noch den DAV, der in seinen 254 örtlichen Anwaltsvereinen diverse Fachausschüsse und Arbeitsgemeinschaften gebildet hat. Auch diese können zur Vernetzung genutzt werden. Inwieweit dies in der Praxis tatsächlich der Fall ist, steht auf einem anderen Blatt.

Netzwerk oder lieber Kooperation?

Was ist der Unterschied zwischen einem Netzwerk und einer Kooperation? Der aus dem lateinischen stammende Begriff (cooperatio = Zusammenwirkung/Mitwirkung) meint das zweckgerichtete Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer Lebewesen, Personen oder Systeme, in Arbeitsteilung, um ein konkretes gemeinsames Ziel zu erreichen. Eine Kooperation ist also häufig einzelfallbezogen, kann sich möglicherweise bei einzelnen Projekten anbieten und fällt dann auch schnell wieder auseinander.

So war 2013 im executive summary der Prognos Studie im Auftrag des DAV bereits davon die Rede, dass unter Anwälten „vermehrt Spezialisten gefragt seien. Diese werden sich in Form von flexiblen Netzwerken und Kooperationen je nach Mandat zusammenfinden und gehen anschließend wieder getrennte Wege.“ Warten wir es ab.

Schlagworte zum Thema:  Business-Netzwerk, Netzwerk, Rechtsanwalt, Kooperation, Kanzleimanagement

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