Digitalisierung und Rechtsmarkt: Keine Angst vor Legal-Tech?

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran – auch im Rechtsmarkt. Experten schätzen, dass sich derzeit rund 550 Unternehmen weltweit damit beschäftigen, Rechtsinformationen zu digitalisieren, Anwälten die Arbeit mittels Digitalisierung zu erleichtern und Mandanten schnelleren, preiswerteren und leichteren Zugang zum Recht zu verschaffen.

Die anwaltliche Beratung ist zwar eine höchstpersönliche Dienstleistung, die unter dem gesetzlichen und strafrechtlich abgesicherten Siegel der Verschwiegenheit erbracht wird. Doch diese berufsrechtliche Exklusivität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Welt ringsherum eklatant verändert.

Rüttelt Digitalisierung an den Grundfesten der Kanzlei

Nicht nur die EU-Kommission sägt mit ihren Vorstellungen zur Niederlassungsfreiheit an den Fundamenten der Anwaltskanzleien, auch die Internet-Angebote und elektronischen Hilfsmittel für Rechtsfragen und Anwaltsaufgabe rütteln scheinbar an den Grundfesten des Berufsbildes Rechtsanwalt. Ist das so?

Läuft ein Verdrängungs- und Ersetzungswettbewerb

Selbstfahrende Autos und intelligente Computer rücken immer näher in die Realität. Noch vollziehen sich marktreife Innovationen in einem gemäßigten Tempo, so dass der dadurch ausgelöste Verdrängungs- und Ersetzungswettbewerb überschaubar bleibt.

Doch wenn dadurch jährlich nur zwischen 2 und 3 Prozent des Umsatzes für eine Kanzlei verloren geht, tut das spätestens in fünf bis zehn Jahren erheblich weh und zwingt im Extremfall sogar zur Geschäftsaufgabe, wenn die Kanzleimitglieder nicht gegensteuern und neue Geschäftsfelder (er)finden.

Immer am Ball bleiben

Welche Dienstleistungsbereiche durch Legal Tech Unternehmen letztlich ersetzt werden, ist derzeit noch nicht vorherzusagen. Aber sie wälzen natürlich schon heute den Anwaltsmarkt um.

Zumindest dürfte der Druck auf die Honorare in diesem Sektor zunehmen. Bisher lukrative, weil nach Gegenstandswert abrechenbare Vertragsgestaltungen, wie zum Beispiel der Ehe- oder Gesellschaftsvertrag, die Patientenverfügung oder der Mietvertrag könnten Mandanten künftig nur noch zu Pauschalpreisen bei Legal Tech Unternehmen wie smartlaw.de oder janolaw.de in Auftrag geben.

Kluge Kanzleien drehen deshalb den Spieß einfach um: sie investieren ihrerseits in digitale Produkte, probieren viel aus und bleiben bei neuen technologischen Entwicklungen am Ball.

Mandanten über das Internet ködern

Immer häufiger nutzen findige Legal Tech Startups aktuelle Rechtsprobleme aus, die eine Vielzahl von Menschen betreffen.

Das kaufmännische Geschick besteht dann darin, diese potenziellen Mandanten zu bündeln und über ein Internetportal zu kanalisieren.

Das ist etwa flightright.de trefflich gelungen.

  • Diese Gründung hat sich den Umstand zunutze machten, dass ein Großteil derjenigen Kunden, die Anspruch auf Geldentschädigung nach einer Flugverspätung haben, diese Gelder gegenüber den Fluggesellschaften einfach nicht geltend machen.
  • Flightright.de hat das mittlerweile für über 600.000 Kunden übernommen.

Ähnliche Phänomene lassen sich bei der Rückerstattung von Bearbeitungsgebühren bei Bankkrediten (www.bankright.de) oder auch aktuell bei Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen nach dem VW-Abgasskandal-Skandal beobachten(www.vw-skandal.de, www.vw-schaden.de). Hier gilt es, zu den First Movern zu gehören und das Geschäft zu machen, bevor die Nachahmer das Feld betreten.  

Aufgreifen aktueller Rechts- und Reizthemen zwecks Mandatsgenerierung   

Doch auch die Anwälte, die sich nicht an solchen Modellen beteiligen wollen, gehen immer mehr dazu über, mit gezielten Publikationen und im Social Media die Gunst der Stunde zu nutzen, und eine Vielzahl von Mandaten zu einem aktuellen Rechts- und Reizthema, wie etwa die Dauerbrenner Widerrufsrecht und Banken-AGB in nahezu industrieller Fertigungsmanier zu bearbeiten.

Herbes Erwachen

Was nun den unübersichtlichen Markt der Erstellung von Verträgen betrifft, werden viele Rechtsratsuchende erkennen, dass der schnelle Griff ins Internet ein letztlich teurer Rat werden kann.

Einen Gesellschaftsvertrag per Mausklick zu generieren, kann im Ernstfall mühsame und teure Nacharbeiten mit einem Anwalt aus Fleisch und Blut erforderlich machen.

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