Der Fachkräftemangel ist auch bei den Juristen längst angekommen

Digitalisierung, Internationalisierung, Spezialisierung: Die Rechtsbranche steht vor massiven Herausforderungen! Neben disruptiven Technologien und verschärftem internationalen Wettbewerb bereitet ein Thema Kanzleien immer größere Bauchschmerzen: Fachkräftemangel und die Schwierigkeit, juristische Talente im “War for Talents” langfristig für sich zu gewinnen.

Juristenschwemme”, das ist längst Geschichte. Der Begriff, der zu Beginn der 2000er Jahre noch durch jedes Juridicum schwirrte und ein allseits gefürchtetes Zukunftsszenario heraufbeschwor, bringt heute kaum noch einen angehenden Juristen aus der Ruhe. Und dies beim Blick auf aktuelle Zahlen zum demografischen Wandel zu Recht: Laut Voraussagen einer Zukunftsstudie des Basler Forschungsinstituts Prognos wird die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland branchenübergreifend bis 2030 auf 38,7 Millionen sinken, ein Rückgang um fast vier Prozent, welcher auch den Arbeitsmarkt für Juristen merklich treffen wird .

Gesucht: Juristen – die Herausforderungen der Anwaltschaft von morgen

Stand 2019: Allein in Bayern fehlen mehr als 150 Staatsanwälte und Richter. Angaben des hessischen Richterbundes zufolge sind es in dem mitteldeutschen Bundesland sogar etwa doppelt so viele. Kaum anders zeichnet sich die Lage in der sächsischen Justiz ab, welcher in den kommenden Jahren ein Generationenwechsel bevorsteht. 600 der 1000 Richter im Freistaat sind aktuell mindestens 55 Jahre alt, 160 haben ihren 60. Geburtstag bereits hinter sich gebracht und werden sich in absehbarer Zeit in den Ruhestand verabschieden. Länderübergreifend rechnet das Forschungsinstitut Prognos damit, dass bis 2030 rund 40 Prozent aller Juristen aus dem Dienst ausscheiden werden, womit die Justiz innerhalb kürzester Zeit mehr als 10.000 Richter und Staatsanwälte verlieren wird.

Bei diesem massiv erhöhten Bedarf an gut ausgebildeten Juristen müssen sich auch Kanzleien, Unternehmen und Verbände geschickt positionieren, um im Kampf um die besten Köpfe des Landes, nicht das Nachsehen zu haben.

Mangelware: Volljuristen

Zeitgleich sinkt aber die Zahl der Nachwuchsjuristen mit zweitem Staatsexamen seit 2002 deutlich. Während vor zwanzig Jahren noch über 10.500 Studierende das zweite Staatsexamen erfolgreich absolvierten, waren es 2017 laut Angaben des Bundesamtes für Justiz noch etwa 7.500. Im Jahr 2019 werden voraussichtlich noch 6.500 neue Volljuristen auf den Arbeitsmarkt kommen, was einem Rückgang um fast 40 Prozent innerhalb der letzten zwanzig Jahre entspricht. Mit 40 Prozent weniger Absolventen und einem gleichbleibenden Notenspiegel gibt es nicht nur grundsätzlich weniger neue Juristen, sondern vor allem auch weniger Absolventen mit Top-Noten.

Der internationale Wettbewerb um Nachwuchstalente verschärft sich

Die Gründe für den Fachkräftemangel im juristischen Bereich indes sind vielfältig. Nicht nur der demographische Wandel, auch der massive Abgang von Studierenden nach dem ersten Staatsexamen und ein zunehmend globalisierter Wettbewerb leisten ihren Beitrag. So entscheiden sich heute immer mehr Juristen gegen den oft steinigen Weg zum zweiten Staatsexamen und für eine Karriere in der freien Wirtschaft. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Juristen, die einen Job im wirtschaftsrechtlichen Bereich annehmen, vervierfacht – auf rund 20.000.

Die zunehmende Internationalität der Anwaltschaft geht somit nicht nur mit neuen Anforderungen an das Ausbildungsprofil des anwaltlichen Personals einher. Global agierende Großkanzleien und Rechtsabteilungen von Unternehmen sind die größten Konkurrenten juristischer Arbeitgeber wenn es darum geht, juristischen Nachwuchs für sich zu gewinnen.

Gesucht: Juristinnen

Neben dem aktuellen Mangel an nachwachsenden Volljuristen zeichnet sich ein weiterer Trend deutlich auf dem Arbeitsmarkt für Juristen ab: Die Anwaltschaft wird zunehmend weiblicher. Im Jahr 2017 wurden laut einer Studie des Soldan-Instituts mit 52 Prozent erstmals mehr Frauen als Männer neu für den Beruf zugelassen. Dieser Anteil der Frauen an den Jura-Absolventen wird sich beim Blick auf die Studienzahlen erwartungsgemäß weiter erhöhen. Momentan liegt der Anteil der Juristinnen in Deutschland bei noch rund 35 Prozent.

Im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA ist die Branche also noch deutlich männerdominiert, ein Wandel ist aber bereits abzusehen. Dieser wird auch Erwartungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Job und Familie mit sich bringen – und juristische Arbeitgeber massiv zum Umdenken zwingen.

Wieso sich Kanzleien jetzt geschickt positionieren müssen

Die Nachwuchsgeneration der Juristen – also jene, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf den Arbeitsmarkt kommen werden – ist rar. Die aktuelle Marktsituation stellt juristische Arbeitgeber vor eine noch nie dagewesene Herausforderung: Kanzleien und Unternehmen müssen heute, mehr denn je, Mittel und Wege finden, um die besten Köpfe des Landes von sich zu überzeugen.

Der Fachkräftemangel hat den juristischen Arbeitsmarkt längst erreicht – und mischt die Karten im Recruiting von Juristen gerade komplett neu.

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