25.09.2016 | Serie Colours of law

Die wundersame Welt eines Hochstaplers

Serienelemente
Es ist nicht alles Gold, was glänzt - Haft für falschen Graf und Hochstapler
Bild: Haufe Online Redaktion

Ob Staatsanwalt, Arzt oder einfach nur Konsument teuerster Zigarren - Hochstapler gaukeln das alles vor und betrügen ihre Umwelt – und meist auch sich selbst. Sie leben in einer wundersam künstlichen Welt, in der nichts wirklich ist - und die dann irgendwann wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

Schon Thomas Mann hat ihn beschrieben, den Hochstapler. Doch Felix Krull erscheint mittlerweile recht harmlos. Zu allen Zeiten hat es sie gegeben, die kleinen und großen Betrüger, die ihre Umwelt belogen und betrogen haben und schließlich dabei selbst vor die Hunde gegangen sind.

Wenn der Ehrgeiz weiter geht als der Bildungsweg

Der jüngste Fall wurde kürzlich in Düsseldorf verhandelt. Vor dem LG (Urteil v. 26.7.2016, 20 KLs 7/16) zu verantworten hatte sich ein 28-jähriger Aushilfskellner, der immerhin einen Realschulabschluss besitzt. Sein Ehrgeiz ging allerdings weiter als sein Bildungsweg. In der von ihm vorgespiegelten Realität war er allerdings als Staatsanwalt, Arzt, Diplomat und Pilot unterwegs.

Callgirl unter falschen Voraussetzungen nach Düsseldorf gelockt

Unter falschem Namen hatte er eine Prostituierte von Berlin nach Düsseldorf einfliegen lassen. 10.000 Euro waren als Entlohnung vereinbart. Mehrere Stunden nahm er die Dienste des Callgirls, das sich die Augen verbinden musste, in Anspruch, um sie dann mit leeren Händen wieder zurückfliegen zulassen.

Besonderen Spaß machte es dem Angeklagten offensichtlich, sich als Staatsanwalt „Tassilo von Hirsch“ auszugeben.

Unter diesem Titel und Namen versandte er u.a. E-mails und Post unter staatlichem Wappen. Vor Gericht gab der Angeklagte sich reuig und bezeichnete sich selbst als Narzisst und Prahler, der gerne Champagner spendierte und in noblen Clubs und Bordellen viel Geld verprasst habe. So hatte er unter anderem für ca. 1.000 Euro Zigarren und teure Kleidung im Netz bestellt und aufgrund falscher Angaben auch erhalten.

Falsche Ärzte praktizieren manchmal jahrelang ungestört

„Tassilo von Hirsch“ steht aber nicht allein. Gegen einen „Fake-Arzt“ des Luxusdampfers Aida wurde erst kürzlich in Berlin verhandelt.

Angeblich ist ihm aber weder als Schiffsarzt noch später als Anästhesist in einer Charlottenburger Arztpraxis ein medizinischer Fehler unterlaufen.

Aufgeflogen war er erst, als er bei der Ärztekammer wegen eines angeblich gestohlenen Arztausweises einen Ersatzausweis beantragte, in den er einen Doktortitel eintragen lassen wollte, den er zuvor nicht führte. Vermutlich ist erst dadurch die Ärztekammer hellhörig geworden und hat den Betrug entdeckt.

Viele angesehen Berufe werden von Hochstaplern aufgegriffen. Der bisher bekannteste Fall in Deutschland ist der des Hochstaplers Gert Postel. In Flensburg praktizierte er in den achtziger Jahren als praktischer Arzt und erhielt später die Stellung eines Oberarztes in einem psychiatrischen Fachkrankenhaus. Postel, der lediglich eine Ausbildung als Postzusteller hatte, lebt heute in Tübingen und veröffentlicht Essays.

Je dreister der Betrug, desto größer der Kick

Die enorme Fantasie der heutigen Hochstapler hatte selbst Thomas Mann nicht. Sein Felix Krull reiste lediglich mit der falschen Identität des „Marquis de Venosta“, um einige Liebesabenteuer zu bestehen. Falsche Berufe und ein frei erfundenes Leben – so weit ging die Romanfigur von Thomas Mann nicht. Der falsche Staatsanwalt Tassilo von Hirsch suchte laut seinem Verteidiger in seinen Rollen den besonderen Kick. Den hatte er erst dann, wenn der Betrug besonders dreist war. Dabei ging er sogar soweit, bei Telefonaten mit Sex-Hotlines die Kontonummer seines Verteidigers anzugeben. 38 verschiedene Alias-Namen stehen in der Anklageschrift. Unter diesen Namen hat der Angeklagte die verschiedensten Waren bestellt und nicht bezahlt. In Stellenanzeigen soll er Interessentinnen bis zu 20.000 Euro für sexuelle Dienste angeboten haben.

Jetzt muss „Tassilo“ teuer bezahlen

Einmal immerhin hat eine Jurastudentin dem falsche Staatsanwalt in Düsseldorf gezeigt, was eine Harke ist. Sie hatte seine Prahlereien durchschaut, ihm das aber nicht gezeigt und ihn zu den besonders teuren Geschäften der Düsseldorfer Königsallee geschleppt und sich für ca. 3.000 Euro Luxusartikel von ihm kaufen lassen. Die Vorsitzende Richterin war äußerst ungehalten über das Verhalten des Angeklagten, der bereits mehrfach wegen ähnlicher Delikte vor Gericht gestanden hatte und bisher immer mit glimpflichen Strafen davon gekommen war.

Zeit der Schonung vorbei: Haftstrafe

Die Zeit der Schonung sei vorbei, äußerte die Vorsitzende Richterin in der Hauptverhandlung. Vor diesem Hintergrund sah die Richterin eine Bewährungsstrafe als nicht mehr möglich an. Drei Jahre und neun Monate Haft - das ist der Preis, den der falsche Staatsanwalt nun für das Vergnügen zu zahlen hat, das ihm sein Verhalten möglicherweise vorher gemacht hat. Die Richterin sah aber keine andere Möglichkeit mehr, ohne eine spürbare Haftstrafe so auf den Angeklagten einzuwirken, dass der sein Verhalten auf Dauer ändert.

Schlagworte zum Thema:  Arzt, Betrug, Jurisprudenz, Justiz, Juristen, Urteil, Richter

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