27.09.2015 | Serie Colours of law

Der nackte Kater Willi

Serienelemente
Katze brauchen ihr Fell - das Fehlen von Körperbehaarung und Tasthaar wird vom VG Berlin als schmerzlich beurteilt und mit Zuchtverbot belegt
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen, doch wie sieht es bei einem nackten Kater aus? Kastriert werden soll er – eben weil er nackt ist und weil seine Nachkommen aufgrund eines Gendefekts ebenfalls nackt sein werden. Die Zucht von Canadian-Sphynx-Katzen ohne Fell ist eine Qualzucht und daher in Deutschland verboten.  

So hart hat es das VG Berlin im Fall des vier Jahre alten Katers Willi entschieden. Die Züchterin ist schockiert. Sie will ihren einmaligen Kater, der nach ihrer Einschätzung besonders “anhänglich, menschenbezogen und intelligent“ ist, auf keinen Fall kastrieren lassen. Die Kastration sei die wahre Qual und nicht die Tatsache, dass Willi nackt sei. Das Urteil des VG, das sie zur Kastration des Katers verpflichtet, will die daher auf keinen Fall hinnehmen.

Eine Schönheit ist Willi wohl wirklich nicht

Bei der Rasse „Canadian-Sphynx“ handelt es sich schon um eine spezielle Katzenart. Extrem mager sehen sie aus, was aber womöglich nur an dem fehlenden Fell liegt. Die Haut wirkt faltig, die Augen riesig. Schön finden den Anblick eher wenige. Dennoch ist die Berliner Züchterin davon überzeugt, dass Willi und ihre drei anderen kanadischen Sphynx-Katzen sich wohl fühlen und keinerlei Qualen infolge des fehlenden Fells empfinden, jedenfalls solange sie nicht in der Sonne liegen, dann nämlich benötigen die nackten Katzen eine hochwirksame Sonnenmilch.

Qualzüchtungen sind verboten

Das zuständige Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt Berlin-Spandau sah dies anders und verbot der Züchterin die weitere Zucht. Gegen die Verfügung, den Kater kastrieren zu lassen, wehrte die Züchterin sich vor dem VG. Das VG untersuchte, ob es sich bei der besonderen Zucht um eine so genannte Qualzucht im Sinne der im Jahre 2013 neu eingeführten Regelung des § 11 b TierSchG handelt.

  • Diese Vorschrift verbietet es, Wirbeltiere zu züchten, denen erblich bedingt Körperteile oder Organe fehlen.
  • Dies gilt allerdings nur dann, wenn hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.

Leidet Willi unter seiner Nacktheit?

Nach Auffassung des VG leidet Willi unter der fehlenden Körperbehaarung. Das VG hatte als Sachverständigen einen Facharzt für Kleintiere eingeschaltet, der in seiner Praxis umfangreiche Erfahrungen mit der Behandlung von  Canadian-Sphynx-Katzen gesammelt hat. Der Tierarzt bestätigte, dass die Rasse sehr spielerisch und zutraulich ist, ein ausgeprägtes Sozialverhalten aufweist, sich intensiv um die Nachkommenschaft und auch sonstige Mitglieder der Katzenfamilie kümmert. Was dieser Züchtung allerdings fehle, sei der ansonsten bei Katzen typische Eigensinn. Das Fehlen des Fells bedeutet nach Auffassung des Gutachters eine deutliche Einschränkung der Verhaltensmöglichkeiten des Tieres.

Tasthaare sind ein eigenständiges Sinnesorgan

Der Tierarzt hob hervor, dass der Rasse mit dem Fell auch die so genannten Tasthaare  (Vibrissen) fehlten. Diese Tasthaare finden sich bei anderen Katzen über den gesamten Körper verteilt und treten konzentriert an Ohren und Gesicht auf.

  • Die Tasthaare dienen einer Katze in der Dunkelheit zur Orientierung. Die Katzen sind hierdurch in der Lage, sich in der Dunkelheit sicher auch durch engste Durchgänge und Öffnungen zu bewegen.
  • Die Tasthaare sind nach Auffassung des Tierarztes daher ein für eine Katze wichtiges Sinnesorgan, das den Canadian-Sphynx- Katzen fehlt. Dies sei „vergleichbar mit einem Menschen der keinen Geruchssinn hat“, so der Gutachter vor Gericht.

Katzen kommunizieren mit Artgenossen teilweise über das Fell

 Die Haare dienen den Katzen nach den Ausführungen des Sachverständigen aber nicht nur zur Orientierung. Mit Hilfe des Fells sei eine Katze auch in der Lage, Stimmungen auszudrücken und mit anderen Katzen Informationen auszutauschen. Die Frage des Gerichts, ob der Gutachter das Fehlen von Tasthaaren und Fell als Schaden bewerte, beantwortete dieser mit einem eindeutigen „Ja“. Damit war die Sache für das VG geklärt. In seinem Urteil hob das Gericht hervor, in dem Verfahren sei es um die grundsätzliche Klärung der Frage gegangen, wo die Grenzen von Liebhaberei in der Tierzucht zu ziehen seien. Auch wenn Willi und die drei Weibchen ansonsten gesund seien, so seien aufgrund des fehlenden Fells sowie der fehlenden Tasthaare sowohl die Orientierung als auch die Kommunikation der Tiere gestört.

Willi muss kastriert werden - aber erst nach Rechtskraft

Dies sei sowohl aus tiermedizinischen Gesichtspunkten als auch rechtlich als Schaden der Tiere zu bewerten. Bei einem solchen Schaden sei nach dem Gesetz grundsätzlich ein Zuchtverbot anzuordnen. Das Gericht bestätigte daher im Ergebnis die von der Behörde ausgesprochene Kastrationsanordnung. Der Deutsche Edelkatzenzüchterverband (DEKZV) begrüßte das Urteil. Der Verband vertritt die Auffassung, dass die Tiere unter dem fehlenden Fell leiden und spricht sich daher gegen die Züchtung von Nacktkatzen aus. Für ihren Willi  - und natürlich auch für ihre durchaus einträgliche Zucht - will die Berliner Züchterin aber durch alle Instanzen gehen. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Angelegenheit hat das VG die Berufung zugelassen.

(VG Berlin, Urteil v. 23.9.2015, 24 K 202.14).

Vgl. auch

Rechtsstreit um ein Doggen-Gebiss: Zuchtverbot für "Kiss"

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und

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Schlagworte zum Thema:  Tierschutz, Jurisprudenz, Justiz, Juristen, Urteil, Richter

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