29.09.2014 | Serie Kanzleimanagement Experten-Blog des Bucerius-CLP

Wann lohnt es sich, Anwalt zu sein?

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Bild: Bucerius Education GmbH

Das Jurastudium ist aufwendig und die Auslese in den Staatsexamina beachtlich. Ist ein Jurist schließlich Inhaber einer Kanzlei, ist es nicht ganz einfach zu beurteilen, ob er unternehmerisch  auf dem richtigen Weg ist. Selbst wenn er sich nicht mühsam von Mandat zu Mandat hangelt - ab welchem Umsatz und Stundensatz haben sich seine Vorarbeiten und Investitionen gelohnt und er verdient angemessen?

Bereits früher haben wir uns an dieser Stelle mit Kostenarten in Kanzleien beschäftigt und dargelegt, wie sich die Gesamtumsätze der deutschen Kanzleien in Höhe von 17,8 Mrd. Euro durch Aufwendungen halbieren und durchschnittlich gerade einmal 48 % als Gewinn übrig bleiben, vor Steuern wohlbemerkt. Heute die Frage, wann eine Anwaltstätigkeit unter diesen Bedingungen ökonomisch überhaupt  Sinn macht.

Warum studiert man Jura?

Zunächst hat die Frage, ob es sich lohnt Anwalt zu sein, eigentlich zwei Vorfragen. Die erste lautet, warum studiert man überhaupt Jura und nimmt die Last von zwei Staatsexamina auf sich, die nicht gerade zu den einfachsten Prüfungen in der deutschen Ausbildungslandschaft zählen? Ist es der Wunsch nach einer analytischen Schulung des Geistes oder eher eine idealistische Weltsicht und die damit verbundene Hoffnung, der Gerechtigkeit dienen zu können oder ist es die große Bandbreite von gut entlohnten Berufen, die man als späterer Volljurist ergreifen kann?

Warum Rechtsanwalt?

Ist dann das zweite Staatsexamen bestanden, stellt sich die zweite Vorfrage: Warum werde ich Rechtsanwalt? Georg M. Oswald hat im letzten Jahr in seinem Buch 55 Gründe, Rechtsanwalt zu werden zusammengetragen. Danach ist der Anwaltsberuf „mit vielen Vorzügen versehen; Advokaten sind auf Partys gern gesehene Ratgeber, die gut reden und sie können Gesetze machen ... Sie sind kollegial, tragen Verantwortung und Krawatten. Sie sind pünktlich, werden stets gebraucht und sind für einen da, wenn es niemand mehr sonst ist“. Auch bei ihm werden natürlich die Honorarvereinbarungen erwähnt, die ein Anwalt abschließen muss, um so ein Partyleben finanzieren zu können.

Nicht nur zwischen den Zeilen kann man in den Antworten auf die beiden obigen Fragen lesen, dass ein Anwalt - zu Recht - auch die Ernte seiner langjährigen, anspruchsvollen Ausbildung einfahren will. Idealerweise möchte man dabei als Anwalt, zumindest mittelfristig, meist nicht mehr als abhängiger Angestellter tätig sein, sondern selbständig und unternehmerisch agieren. Ob sich dies wirklich lohnt, kann man aber dann nicht mehr so einfach an seiner monatlichen Gehaltsabrechnung ablesen. Vielmehr ist dies sinnvoll nur im Vergleich mit sonstigen qualifikationsgerechten Tätigkeiten, beispielsweise dem Richterberuf, zu beantworten.

Wie steht es um den anwaltlichen Unternehmer-Lohn?

Anders als ein Richter, muss sich der Anwalt detailliert mit der Kostensituation seiner Berufsausübung beschäftigen und diese permanent optimieren. Dann muss er seinen Unternehmer-Lohn einfahren, also das Äquivalent zu Gehalt nebst Rente, Krankenversicherung und den übrigen wohligen Nebenleistungen. Schließlich will der Anwalt darüber hinaus auch einen echten Gewinn erzielen, um einen fairen Ausgleich zu seinem unternehmerischen Risiko und den schlaflosen Nächten zu erhalten und Rücklagen für Zeiten der Rezession bilden zu können.

Vergleich Anwalt - Richter

Vergleichen wir den Anwalt mit einem Richter anhand von Zahlenwerk. In der Besoldungsstufe R 2 verdient Letztgenannter im Alter von 45 Jahren und mit zwei Kindern rund 5.800 EUR brutto im Monat, 76.000 EUR im Jahr. Wie muss ein Anwalt agieren, der im Monat  5.800 EUR als Gewinn vor Steuern erzielen will?

Er muss zunächst die Zuschläge für die Sozialversicherung von circa 1.600 EUR monatlich zum Wunschgehalt addieren. Hinzu kommt der Geldwert des Urlaubs mit  900 EUR im Monat. Das Krankheitsrisiko schlägt mit 150 EUR je Monat zu Buche und schließlich sollte als allgemeine Risikopositionen für Honorarausfall, Geschäftseinbrüche und ähnliches ein Aufschlag von 20%, hier also 1.690 EUR, berücksichtigt werden.

Der erforderliche Umsatz und der dafür nötige Stundensatz

Damit ergibt sich ein erforderlicher monatlicher Gewinn von 10.140 EUR entsprechend einem Jahresgewinn von 121.680 EUR. Der erforderliche Kanzleiumsatz bei einer Kostenquote von 50 % beläuft sich danach auf 243.360 EUR. In welcher Zeit muss dieser Gewinn nun erwirtschaftet werden? Ausgehend von fünf Arbeitstagen pro Woche und 52 Arbeitswochen pro Jahr ergeben sich 260 Arbeitstage pro Jahr. Dann gibt es durchschnittlich 10 Feiertage, die auf einen Werktag fallen und 30 Tage Urlaub. Nach durchschnittlich 5 Krankheitstagen und 3 Tagen Fortbildung bleiben 212 verfügbare Arbeitstage. Bei acht Arbeitsstunden pro Tag macht dies 1.696 verfügbare Arbeitsstunden.

Was der Richter in dieser Zeit macht, hat keine unmittelbare Auswirkung auf seine Besoldung, der Anwalt hingegen verbringt davon rund 25 % „unproduktiv“, also mit Administration, Business Development und ähnlichem. Danach verbleiben für den Anwalt 1.272 „Billable Hours“, die - um den obigen Kanzleiumsatz von 243.360 EUR zu erreichen - mit 191,32 EUR netto vergütet werden müssen.

Dem Mandanten muss daher inklusive der Umsatzsteuer ein Betrag von 227,67 EUR je Stunde in Rechnung gestellt werden. Dann lohnt es sich, Anwalt zu sein.

Schlagworte zum Thema:  Kanzlei, Rechtsanwalt, Umsatz, Richter, Kanzleimanagement

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