03.11.2011 | Kanzleitipps

Außenprüfung: Auffälligkeiten beim "Chi-Quadrat-Test" allein nicht ausreichend für Zuschätzung

Das FG Rheinland-Pfalz hat zu der Frage Stellung genommen, ob Auffälligkeiten bei dem sog. Chi-Quadrat-Test zur Beanstandung der Buchführung – und damit zur Schätzung eines höheren Umsatzes/Gewinns - berechtigen, wenn sonst keine weiteren Mängel der Buchführung gegeben sind.

Durch den „Chi-Quadrat-Test“ gefallen?

Mit dem sog. „Chi-Quadrat-Test“ werden Verteilungseigenschaften einer statistischen Grundgesamtheit untersucht. Er stellt eine Methode dar, bei der empirisch festgestellte und theoretisch erwartete Häufigkeiten verglichen werden und fußt auf dem Grundgedanken, dass derjenige, der bei seinen Einnahmen unzutreffende Werte in das Kassenbuch/die Kassenberichte eingibt, unbewusst eine Vorliebe für gewisse Lieblingszahlen hat und diese entsprechend häufiger verwendet.

 

Rüffel bei steuerlicher Außenprüfung: Kassenbücher in Form von Excel-Tabellen

Im Streitfall fand im Salon einer Friseurin für 2005 bis 2007 eine steuerliche Außenprüfung statt. Der Prüfer, bzw. das Finanzamt bemängelte, dass die Kassenbücher in Form von Excel-Tabellen geführt worden seien. Die gesetzlich geforderte Unveränderbarkeit der Kassenbucheintragungen sei nicht gewährleistet.

Die Friseurin habe nicht darlegen und dokumentieren können, dass das betreffende Kassenprogramm Manipulationen und nachträgliche Änderungen nicht zulasse:

  • Die im Rahmen der Prüfung erstellte Strukturanalyse und der darin enthaltene "Chi-Test" hätten eine 100 %-ige Manipulationswahrscheinlichkeit ergeben.
  • Dem Prüfer folgend erhöhte das Finanzamt die erklärten Umsatzerlöse um jährlich 3.000 EUR, was auch entsprechende Gewinnerhöhungen zur Folge hatte.

Die Klage, mit der die Friseurin u.a. vorgetragen hatte, der Prüfer habe keine Beweise für eine Manipulation gefunden, eine von ihm durchgeführte und später nicht mehr erwähnte Kalkulation habe unter den erklärten Betriebsergebnissen gelegen, war erfolgreich.

Das FG Rheinland-Pfalz führte u.a. aus, das Finanzamt hätte nicht dem ihm obliegenden Nachweis erbracht, dass das eingesetzte Kassenprogramm Manipulationen ermögliche. Entgegen der Ansicht des Prüfers und des Finanzamts sei es nämlich nicht Sache der Klägerin, "darzulegen bzw. zu dokumentieren", dass das betreffende Kassenprogramm Manipulationen und Änderungen nicht zulasse. Der Nachweis einer Manipulationsmöglichkeit obliege vielmehr dem Finanzamt.

 

Vom Prüfer durchgeführter „Chi-Quadrat-Test“ begründet allein keine Zuschätzungsbefugnis

Die vom Finanzamt behauptete "Manipulationswahrscheinlichkeit von 100 %" auf Grund des vom Prüfer durchgeführten „Chi-Quadrat-Test“ könne nicht zu einer Zuschätzungsbefugnis führen.

  • Der Test allein sei jedenfalls nicht geeignet, Beweise dafür zu erbringen, dass die Buchführung nicht ordnungsgemäß sei,
  • abgesehen davon, dass er bei einem Friseursalon, bei dem – wie hier – für die Leistungen ausschließlich volle bzw. halbe Euro-Beträge berechnet würden, ungeeignet erscheine.

Ausgehend von der Preisliste des Friseursalons ergebe sich, dass naturgemäß die Zahl 0 wie auch die Zahlen 1, 4, 5 überdimensional häufig auftreten müssten (z. B. Föhnfrisur: 15 EUR; Färben: 25 EUR bzw. 46,50 EUR; Föhnen 40,50 EUR).

Die Revision wurde nicht zugelassen, das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig geworden.

(FG Rheinland-Pfalz, Urteil v. 24.8.2011, 2 K 1277/10).

 

Hintergrund: Chi-Quadrat-Test

Der Chi-Quadrat-Test (auch „Pearson’s Chi-Quadrat" genannt) ist nach dem 22. Buchstaben im griechischen Alphabet benannt. Er wurde von dem amerikanischen Statistiker Karl Pearson entwickelt und dient in den verschiedensten Bereichen dazu, die die Verteilungseigenschaft einer Datenmenge zu untersuchen.

Im Bereich der Betriebsprüfung etwa werdenmit ihm Kassenumsätze oder km-Angaben in Fahrtenbüchern untersucht. Geprüft wird, ob die Daten der erwarteten Zahlenverteilung entsprechen. Im Ergebnis wird ein sog. Chi-Wert als Maß für die Übereinstimmung mit der erwarteten Zahlenverteilung ermittelt. Je größer der Chi-Wert ist, je geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die vorliegende Zahlenverteilung der erwarteten Verteilung entspricht.

Bei der digitalen steuerlichen Außenprüfungen wird der Chi-Quadrat-Test oft zur Prüfung der (Kassen-)Einnahmen verwendet. Dazu werden die Ziffernverteilungen der letzten Vorkommastellen und der Nachkommastellen auf ihre Übereinstimmung mit einer erwarteten Ziffernverteilung überprüft. Regelmäßig wird hierbei von einer Gleichverteilung der Ziffern ausgegangen und es wird erwartet, dass jede Ziffer mit einer gleichen Wahrscheinlichkeit (10%) auftritt.

Aktuell

Meistgelesen