11.10.2013 | Kanzleimanagement

Anwaltsbewertungen im Internet – Glücksspiel oder berechenbar?

Bild: Haufe Online Redaktion

Internetseiten wie Google, ebay oder Qype bieten die Möglichkeit, Verkäufer, Restaurants oder Freiberufler im Internet zu bewerten. Diese neue Form der Basisdemokratie breitet sich unter dem Schutzschild der Meinungsfreiheit rasant aus. Konsequenz: Immer mehr Kunden, Patienten, Mandanten vertrauen auf subjektive Erfahrungsberichte, bevor sie kaufen oder Aufträge vergeben. Zitterte man früher vor der Stiftung Warentest, sind es heute Internet-User, die mit Internet-Feedbacks Wahres verkünden, aber auch Unsinn verzapfen können.

„Dieser Anwalt ist kein Beistand. Fordert gleich Vorschuss und macht dann seine Arbeit nur lückenhaft ohne Engagement. Sparen Sie sich die Ausgaben!“ schreibt ein unzufriedener Mandant über seinen Ex-Anwalt unter www.anwaltsnote.de. Wer unter dem Stichwort „Anwaltsbewertungen“ bei Google sucht, erhält eine ganze Reihe an Portalen in der Trefferliste, die Anwalt-Suchdienste und/oder Online-Beratung anbieten und den Mandanten gleich auch noch die Möglichkeit bieten, ihren Anwalt zu bewerten.

Experten fühlen sich an den Pranger gestellt

Verrückte Welt: Während die Wahlbeteiligung bei Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europaparlamentswahlen immer weiter schrumpft, verzeichnen die Social Communities im Internet immensen Zulauf. In der realen Welt streiken die Bürger schon beim Ankreuzen der Wahlzettel. Im Internet toben sie sich dagegen bei der Bewertung von Ärzten, Anwälten und Unternehmen aus. Viele von ihnen bleiben dabei anonym, während die positiv wie negativ Kritisierten mit ihrem realen Namen von jedermann erkannt werden können.

Substanzarme Bewertungen

Doch Anwälte, die im Internet kritisiert werden, sollten die Ruhe bewahren. Denn vielen dieser Erfahrungsberichte und subjektiven Bewertungen mangelt es an Qualität. Das ist auch nicht verwunderlich. Schließlich kann Hinz und Kunz auf den Portalen schreiben und dürfen Laien sich über Experten munter auslassen. So hat etwa auch der Bundesgerichtshof dem Schülerportal Spickmich.de attestiert, dass die dort veröffentlichten Daten aus sich heraus „substanzarm“ seien (Urteil v. 23.06.2009, Az. VI ZR 196/08). Deren Speicherung und Verbreitung aber deshalb zu verbieten, lehnen die Karlsruher Richter indes ab. Wörtlich heißt es in der Entscheidung: „Auch wenn die Erhebung der Daten nach Vielfalt und Qualität nicht den Anforderungen an eine aussagekräftige Lehrerevaluation entspricht, begründet dies noch kein schutzwürdiges Interesse der Klägerin an der Unterlassung der Datenerhebung und –speicherung. Das Recht der Meinungsfreiheit ist nicht beschränkt auf objektivierbare allgemein gültige Werturteile.“ Konsequenz: Solange in den Bewertungsportalen einzelne Personen nicht beleidigt, diffamiert oder mit falschen Tatsachenbehauptungen überzogen werden, ist den Einträgen mit juristischen Mitteln nicht beizukommen.

Berufliche Sphäre schwächer geschützt

Der Bundesgerichtshof hält in der Entscheidung die informationelle Selbstbestimmung der bewerteten Lehrer nur für abgestuft schutzwürdig – je nach betroffener Sphäre. Besonders hohen Schutz genießen danach sensible Daten aus der Intim- und Geheimsphäre. Schützen wollen die Karlsruher Richter aber auch die Offenbarung persönlicher Lebenssachverhalte, die lediglich zur Sozial- und Privatsphäre gehören.

Da der Einzelne aber seine Persönlichkeit innerhalb der sozialen Gemeinschaft entfalte, seien selbst personenbezogene Informationen nicht ausschließlich dem Betroffenen allein zugeordnet. „Deshalb muss der Einzelne grds. Einschränkungen seines Rechts auf informationelle Selbstbestimmung hinnehmen, wenn und soweit solche Beschränkungen von hinreichenden Gründen des Gemeinwohls oder überwiegenden Rechtsinteressen Dritter getragen werden und bei einer Gesamtabwägung zwischen der Schwere des Eingriffs und dem Gewicht der ihn rechtfertigenden Gründe die Grenze des Zumutbaren noch gewahrt ist“, schlussfolgern die BGH-Richter.

Auswirkungen auf das Persönlichkeitsrecht

Der Sozialsphäre ordnet das Gericht auch die Bewertung von beruflichen Tätigkeiten zu, „also einem Bereich, in dem sich die persönliche Entfaltung von vornherein im Kontakt mit der Umwelt vollzieht... Äußerungen i.R.d. Sozialsphäre dürfen nur im Fall schwerwiegender Auswirkungen auf das Persönlichkeitsrecht mit negativen Sanktionen verknüpft werden, so etwa dann, wenn eine Stigmatisierung, soziale Ausgrenzung oder Prangerwirkung zu besorgen ist“, schreibt das höchste deutsche Zivilgericht.

Auch dort, wo sich in Bewertungsportalen Tatsachen und Meinungen vermischen (Bsp.: „Fachlich kompetent“ und „gut vorbereitet“), lässt das Gericht Toleranz walten und gibt der Meinungsäußerung den Vorrang, solange damit keine unsachliche Schmähkritik, eine Formalbeleidigung oder gar ein Angriff auf die Menschenwürde verbunden sei.  

Umdenken erforderlich

Der Wandel im Medienverhalten der nachwachsenden Generationen erfordert auch seitens der Anwälte - wie übrigens aller anderen Branchen auch - ein Umdenken. Durch die neue Transparenz der Märkte verlieren negative Bewertungen an Brisanz. Denn letztlich gehören zu einem authentischen und glaubhaften Bewertungsprofil positive, negative und neutrale Aussagen. Selbst der Top-Anwalt wird es nicht verhindern können, dass einmal ein unzufriedener Mandant die Kanzlei verlässt und das auch im Internet publik macht.

Gang vor Gericht will gut überlegt sein

Der Gang vor Gericht will jedenfalls gut überlegt sein. Denn ein Rechtsstreit könnte wiederum Anlass für Einträge in Bewertungsportalen sein. Insgesamt aber sollten Anwälte Bewertungsportale aktiv für ihr eigenes Marketing nutzen, indem sie zum Beispiel ihre zufriedenen Mandanten darum bitten, sie doch im Internet weiterzuempfehlen. Der eine oder andere Anwalt wird vielleicht auch aus einem negativen Feedback lernen und Fehler abstellen. Zu hoffen bleibt, dass sich in naher Zukunft ein Portal als Marktführer etabliert, um die derzeit eher fragmentarischen und weit verstreuten Bewertungen von Anwälten im Internet zu kanalisieren.

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