20.12.2012 | Freie Religionsausübung/körperliche Unversehrtheit

Beschneidungsgesetz beschlossen – eine ehrliche Entscheidung?

Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Das Aufatmen der Regierung war deutlich zu spüren, als das neue Beschneidungsgesetz vor einigen Tagen sowohl im Bundestag als auch im Bundesrat problemlos durchgewunken wurde. Ein Konflikt mit dem Judentum sollte unter allen Umständen vermieden werden.

Nach außen waren sich die im Bundestag vertretenen Parteien – bis auf die Linke – weitgehend einig. Auch der Bundespräsident Gauck ließ höchstpersönlich vernehmen, dass Deutschland nicht das erste Land der Welt sein dürfe, in dem die Beschneidung staatsanwaltliche Ermittlungen auslöse. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden und auch die muslimischen Verbände lobten die Weisheit des bundesdeutschen Gesetzgebers. Dieser hat konkret die Einführung eines neuen § 1631 d im BGB beschlossen und damit die Frage der Beschneidung dem Personensorgerecht zugeordnet und unter dem Gesichtspunkt der freien Religionsausübung dem Entscheidungsrecht der Eltern unterstellt.

Kritische Stimmen wurden abgebürstet

Kritiker werfen den Verantwortlichen vor, die Argumente der Gegner übergangen zu haben. Der Kinderschutzbund sieht in dem Beschneidungsritus einen archaischen Akt, bei dem dem Kind sinnlos Schmerzen zugefügt würden und der erhebliche gesundheitliche und auch psychische Risiken berge. Auch wenn die Eltern das nicht wahrhaben wollten, so würden die betroffenen Jungen durch den Bescheidungsakt oft traumatisiert. Das Kölner Urteil, das die überhastete Gesetzgebung ausgelöst habe, habe die Beschneidung nicht ohne Grund als rechtwidrige Körperverletzung eingestuft (LG Köln, Urteil v. 07.05.2012, 151 Ns 169/11). Die Religionsfreiheit hätten auch die Kölner Richter als hohes, grundgesetzlich geschütztes Gut eingestuft. Sie hätten aber zu Recht darauf verwiesen, dass diese rechtlich garantierten Freiräume nicht dazu genutzt werden dürften, andere, mindestens ebenso hochrangige Rechtsgüter wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu verletzen.

Kritik auch aus jüdischen Reihen

Auch unter den Juden und Muslimen selbst ist die Beschneidung nicht so unumstritten, wie es nach außen scheint. So hat der irakische Schriftsteller Najem Wali in der „taz“ vom 03.07.2012 seine eigene Beschneidung als regelrechtes Foltererlebnis geschildert. Der jüdische Dokumentarfilmer Victor S. Schonfeld hat durch seine Beschneidungsdokumentation „It`s a boy“ der britischen Öffentlichkeit drastisch die Qualen der Jungen bei der Beschneidung und deren nicht unerhebliche gesundheitliche Risiken vor Augen gehört.

Neben gefährlichen Infektionen und Verstümmelungen können die – wie in dem Kölner Fall – auch bei sachgerechter Ausführung auftretenden Nachblutungen zu erheblichen Komplikationen führen. Nach der Beobachtung von Schonfeld werden die Komplikationen häufig von den Verantwortlichen und auch von den Eltern vertuscht, so dass die offiziellen Zahlen ein völlig falsches Bild von der erschreckenden Wirklichkeit zeigten. Auch Todesfälle kämen durchaus vor.

Beeindruckend schildert Schonfeld wie er selbst aufgrund des ausgeübten Umgebungsdruckes seinen Sohn hat beschneiden lassen und dies schon während des qualvollen Vorgangs als Verrat an seiner Beschützerrolle gesehen hat. Andere Juden berichten, dass sie ihre Kinder nicht hätten beschneiden lassen, ohne dass der von vielen befürchtete Stigmatisierungseffekt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eingetreten sei. Keiner habe später danach gefragt, auch nicht im Turnunterricht, wo die Klassenkammeraden den Unterschied hätten bemerken müssen.

Kritiker in der Minderheit

Sicher stellen die Kritiker zahlenmäßig nur einen geringen Anteil sowohl an der jüdischen als auch der moslemischen Glaubensgemeinschaft. Es ist aber nicht zu verkennen, dass ein gewisses Nachdenken über die Sinnhaftigkeit des Rituals stattfindet. Manche Juden bezweifeln, dass Gott, der das von Abraham beabsichtigte Menschenopfer abgelehnt hat, tatsächlich als Ersatz die Abtrennung der Vorhaut sozusagen als reduziertes, kleines Menschenopfer verlangt. Angesichts des aufgeklärt-abendländischen Welt- und Menschenbildes erscheint der Ritus inzwischen auch manchem Moslem oder Juden als etwas befremdlich. Der Anstoß zu einer wünschenswerten, umfassenden Diskussion kann aber nur aus den Religionen selber kommen.

Künftig zertifizierte Beschneider

Auch der Umstand, dass die Beschneidung nicht nur durch Ärzte durchgeführt werden darf, ruft teilweise Befremden hervor. Ein zarter Ansatz zum Umdenken könnte darin zu sehen sein, dass Moslems und Juden gleichermaßen erklärt haben, zur Vermeidung von körperlichen Komplikationen, ihre Beschneider besser ausbilden zu wollen. Der Zentralrat der Juden hat erklärt, bereits ab Januar eine zertifizierte Zusatzausbildung für jüdische Beschneider anzubieten, die sowohl die manuelle Ausführung des Eingriffs als auch die Aufklärung gegenüber den Eltern umfasse. Dies entspricht dem vom Bundestag beschlossenen Gesetz, das zwar eine Beschneidung durch nicht ärztliche Beschneider erlaubt, aber auch von diesen eine den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechende Ausführung verlangt.

Schlagworte zum Thema:  Körperverletzung, Beschneidung, Religionsfreiheit

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