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Mehr Freiheiten als gedacht

Nur etwas jede 5. Befruchtung ist erfolgreich
Bild: Haufe Online Redaktion

Bei der „In-Vitro-Fertilisation“ ist eine größere Zahl wachsender Eizellen zulässig als bisher angenommen. Dies jedenfalls legt ein vielbeachteter Beschluss der Münchner StA nahe, mit dem die gegen mehrere Ärzte eingeleiteten Strafverfahren eingestellt wurden.

Ein österreichischer Arzt hatte deutschen Ärzte angezeigt, weil diese im Rahmen einer künstlichen Befruchtung in der Petrischale mehr als drei befruchtete Eizellen haben weiter wachsen lassen. Zwischen deutschen und österreichischen Ärzten tobt ein heftiger Konkurrenzkampf um Patienten. Die Gesetzeslage lässt den Ärzten in Österreich etwas mehr Freiheiten als in Deutschland.

Unklarheiten im Embryonenschutzgesetz (ESchG)

Das ESchG ist ein Nebenstrafgesetz. Es soll vor möglichem Missbrauch bei der In-Vitro-Fertilisation schützen und stellt verschiedene Handlungen wie die künstliche Veränderung des Erbgutes, das Klonen oder auch die Vorratsbefruchtung unter Strafe. Das Gesetz soll verhindern, dass in größerer Zahl überzählige Embryonen entstehen. Gemäß § 1 Nr. 3 ESchG wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft, wer einer Frau innerhalb eines Zyklus mehr als drei Embryonen überträgt. Mit dieser „Dreierregel“ soll auch Mehrlingsschwangerschaften vorgebeugt werden. Unklar war bisher, was geschieht, wenn Ärzte mehr als drei embryonale Eizellen in der Petrischale weiterwachsen lassen.

Befruchtung von mehr als 3 Eizellen ist medizinisch geboten

Die Staatsanwaltschaft entschied jetzt, dass die bisher gängige Praxis, dass überzählige Eizellen zur Vermeidung eines Verstoßes gegen das ESchG vernichtet werden, nicht aufrechterhalten werden muss. In der Begründung ihrer Einstellungsentscheidung weisen die Staatsanwälte darauf hin, dass nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft nur etwa jede fünfte Befruchtung erfolgreich ist. Aufgrund der unterschiedlichen praktischen Gegebenheiten könne das Verhältnis aber im Voraus nie exakt vorherbestimmt werden. Würden angesichts dieser Zahlen grundsätzlich nur drei Eizellen befruchtet, wären die Erfolgsaussichten für eine anschließende Schwangerschaft derart gering, dass eine angemessene Behandlung nicht möglich wäre.

Bessere Chancen auf Eintritt der Schwangerschaft

Vor diesem Hintergrund sah es die StA als strafrechtlich nicht erheblich an, wenn Ärzte die befruchteten Eizellen nicht vernichten, sondern nach Übertragung von zwei oder drei Embryonen die übrig gebliebenen Eizellen weiterwachsen lassen. Hiernach müssen Ärzte sich bei der Befruchtung nicht mehr an eine starre Beschränkung auf drei Eizellen halten, was für die betroffenen Frauen eine große Erleichterung bedeutet. Vielen Frauen dürfte auf diese Art eine erneute physisch und psychisch belastende Hormonbehandlung – die im übrigen auch sehr teuer ist – erspart bleiben. Die Chancen auf die erhoffte Schwangerschaft erhöhen sich damit in der Praxis deutlich.

Problem des Verbleibs der nicht benötigten embryonalen Eizellen bleibt

Der Justiziar des bayerischen Berufsverbandes der Reproduktionsmediziner Johannes Daunderer hält die Entscheidung für richtungsweisend. Sie ebne den Ärzten den bereits seit längerem favorisierten deutschen Mittelweg. Nach wie vor trügen die Ärzte die Verantwortung, im Einzelfall zu entscheiden, wie viele Eizellen befruchtet werden müssen, um drei entwicklungsfähige Embryonen zu erhalten. Dies könne je nach Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Nicht leicht zu beantworten bleibt allerdings die Frage, was mit den befruchteten Eizellen geschieht, die nicht benötigt werden. Hierüber hat das betroffene Paar zu entscheiden. Neben der Möglichkeit der

  • Vernichtung der überschüssigen Eizellen besteht die Option der
  • Konservierung in flüssigem Stickstoff oder der
  • Embryonenspende zur Vermittlung an ein anderes Paar mit unerfülltem Kinderwunsch.

Die Embryonenspende muss allerdings frei von kommerziellen Interessen bleiben, d.h. sie darf nicht gegen Entgelt erfolgen.

Schlagworte zum Thema:  Künstliche Befruchtung

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