Prütting/Wegen/Weinreich, BGB Kommentar, BGB § 286 – Verzug des Schuldners1Amtlicher Hinweis: Diese Vorschrift dient zum Teil auch der Umsetzung der Richtlinie 2000/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. Juni 2000 zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr (ABl. EG Nr. L 200 S. 35).Redaktioneller Hinweis: Die Richtlinie ist zwischenzeitlich durch die RL 2011/35/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Februar 2011 zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr (ABl. EU Nr. L 48 S. 1) abgelöst worden.

Gesetzestext

 

(1) 1Leistet der Schuldner auf eine Mahnung des Gläubigers nicht, die nach dem Eintritt der Fälligkeit erfolgt, so kommt er durch die Mahnung in Verzug. 2Der Mahnung stehen die Erhebung der Klage auf die Leistung sowie die Zustellung eines Mahnbescheids im Mahnverfahren gleich.

(2) Der Mahnung bedarf es nicht, wenn

1. für die Leistung eine Zeit nach dem Kalender bestimmt ist,
2. der Leistung ein Ereignis vorauszugehen hat und eine angemessene Zeit für die Leistung in der Weise bestimmt ist, dass sie sich von dem Ereignis an nach dem Kalender berechnen lässt,
3. der Schuldner die Leistung ernsthaft und endgültig verweigert,
4. aus besonderen Gründen unter Abwägung der beiderseitigen Interessen der sofortige Eintritt des Verzugs gerechtfertigt ist.

(3) 1Der Schuldner einer Entgeltforderung kommt spätestens in Verzug, wenn er nicht innerhalb von 30 Tagen nach Fälligkeit und Zugang einer Rechnung oder gleichwertigen Zahlungsaufstellung leistet; dies gilt gegenüber einem Schuldner, der Verbraucher ist, nur, wenn auf diese Folgen in der Rechnung oder Zahlungsaufstellung besonders hingewiesen worden ist. 2Wenn der Zeitpunkt des Zugangs der Rechnung oder Zahlungsaufstellung unsicher ist, kommt der Schuldner, der nicht Verbraucher ist, spätestens 30 Tage nach Fälligkeit und Empfang der Gegenleistung in Verzug.

(4) Der Schuldner kommt nicht in Verzug, solange die Leistung infolge eines Umstands unterbleibt, den er nicht zu vertreten hat.

(5) Für eine von den Absätzen 1 bis 3 abweichende Vereinbarung über den Eintritt des Verzugs gilt § 271a Absatz 1 bis 5 entsprechend.

A. Allgemeines.

 

Rz. 1

Die Regeln zum Verzug haben ggü dem alten Recht erheblich an Bedeutung verloren. Pflichten sind regelmäßig zu einem bestimmten oder bestimmbaren Termin oder innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu erfüllen (Fälligkeit). Verzögerungen, dh Überschreitung solcher Termine für die Leistung (s § 271) sind bis zur vollständigen Erfüllung Pflichtverletzung (Palandt/Grüneberg § 286 Rz 6; anders nach altem Recht Schur Leistung und Sorgfalt 48, 89; Wahl Schuldnerverzug 196). Auch eine im Leistungszeitpunkt dem Inhalt der Leistungspflicht nicht voll entspr – etwa mangelhafte, später nachgebesserte – Leistung ist eine (doppelte) Pflichtverletzung: Der Schuldner hat schlecht und verspätet geleistet (aA offenbar BGH NJW 09, 2674 [BGH 19.06.2009 - V ZR 93/08] Rz 13 ff [mit unzulässigem Rückschluß aus § 437]). An Rechtsbehelfen stehen va der Erfüllungsanspruch (s § 241 Rn 21), Rücktritt und Kündigung (§§ 314, 323 ff) sowie Schadensersatz statt der Leistung oder statt der ganzen Leistung (§§ 280 I, III, 281–283) zur Verfügung. Für diese bedarf es keines Rückgriffs auf die Regeln zum Verzug (Ausnahme §§ 536a Var 3, 543 II 1 Nr. 3, 569 III Nr. 3). Für die Berechtigung des Gläubigers zur Datenübermittlung an die SCHUFA und entspr Auskunfteien enthält § 28a BDSG eine abschließende Sonderregelung.

 

Rz. 2

Voraussetzung ist der – hinsichtlich seiner Voraussetzungen in § 286 geregelte – Verzug nur noch für die Haftungsverschärfungen nach §§ 287, 290, für die Verzinsung nach §§ 288f und für die Ersatzfähigkeit des Verzögerungsschadens nach § 280 II (dazu § 280 Rn 2739). Bei der Anknüpfung an den Verzug in § 375 II Var 2 HGB handelt es sich um ein übersehenes Relikt des alten Rechts, das im Wege systematischer Auslegung (s §§ 280 I, III, 281 ff) aufzugeben ist. Eine gesonderte Klage auf Feststellung des Verzugs ist regelmäßig unzulässig (BGH NJW 00, 2280, 2281 auch zu Ausnahmen). Trotz Bedeutungsverlust und – in ihrer Form – Systemwidrigkeit hat der Gesetzgeber jedoch an besonderen Regeln für den Verzug des Schuldners festgehalten; es handelt sich um ein systematisches Fossil (zust Schroeter EWiR 06, 745, 746 [OLG Köln 26.05.2006 - 18 U 78/05]). Der Fortbestand hat seine Ursache auch darin, dass die der gesetzlichen Regelung tlw zugrundeliegende Zahlungsverzugsrichtlinie der Europäischen Union (RL 2011/7/EU (zuvor RL 2000/35/EG) zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr; dazu Gebauer/Wiedmann/Schmidt-Kessel Verzug) eben diesem Störungstyp gilt. Auf der Umsetzung dieser Richtlinie beruht der zum 29.7.14 inkraftgetretene Abs V (s Rn 28).

 

Rz. 3

Der Anwendungsbereich von § 286 geht über vertragliche Schuldverhältnisse weit hinaus und umfasst alle Schuldverhältnisse, auch solche sachenrechtlichen Ursprungs (BGHZ 49, 263, 265 [für § 990 II]; BGHZ 85, 11, 13 [für § 990 II]; abl BGH NJW-RR 87, 74, 76 [BGH 18.04.1986 - V ZR 8/85] [für § 888]). Für das Bereicherungsrecht begründen §§ 818 IV, 819 f ein Sonderregime, das die Anwendung der §§ 286 ff jedenfalls beim unverklagten, gutgläubigen Bereicherungsschuldner ausschließt (Larenz/Canaris § 73 II 4a, s iÜ § 818 Rz 39). Ohne derartige Sonderklauseln verbleibt es jedoch bei der Anwendung von § 286 auf alle Schuldverhältnisse, etwa auch dem Anspruch auf Urlaubsgewährung nach §§ 1 ff BUrlG (BAG NZA 06, 439, 441). Die Verzugsvorschriften des BGB, gelten auch, soweit der Schuldner als Sozialhilfeträger der Zahlungsverpflichtung der ...

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