Prütting/Wegen/Weinreich, BGB Kommentar, BGB § 1887 BGB – Entlassung des Jugendamts oder Vereins
 

Gesetzestext

 

(1) Das Familiengericht hat das Jugendamt oder den Verein als Vormund zu entlassen und einen anderen Vormund zu bestellen, wenn dies dem Wohl des Mündels dient und eine andere als Vormund geeignete Person vorhanden ist.

(2) 1Die Entscheidung ergeht von Amts wegen oder auf Antrag. 2Zum Antrag ist berechtigt der Mündel, der das 14. Lebensjahr vollendet hat, sowie jeder, der ein berechtigtes Interesse des Mündels geltend macht. 3Das Jugendamt oder der Verein sollen den Antrag stellen, sobald sie erfahren, dass die Voraussetzungen des Absatzes 1 vorliegen.

(3) Das Familiengericht soll vor seiner Entscheidung auch das Jugendamt oder den Verein hören.

 

Rn 1

Die Vorschrift regelt die Entlassung des Amts- oder Vereinsvormunds im Interesse des Mündels, während § 1889 die Entlassung auf Antrag im Interesse des Jugendamts bzw des Vereins betrifft. Die Mitglieder oder Mitarbeiter des Vereins, denen dieser sich bei der Führung der Vormundschaft bedient, können nicht entlassen werden. Bei Pflichtwidrigkeiten sind nur Maßnahmen gegen den Verein selbst nach § 1837möglich. § 1887 gilt auch im Pflegschaftsrecht (§ 1915 I), nicht dagegen im Betreuungsrecht (§ 1908b V).

 

Rn 2

Voraussetzung der Entlassung ist das Vorhandensein einer anderen zur Führung der Vormundschaft geeigneten Person, wobei diese nicht geeigneter als das Jugendamt bzw der Verein zu sein braucht. Die Bestellung geeigneter Einzelvormünder hat grds Vorrang vor einer Amtsvormundschaft (LG Wiesbaden FamRZ 09, 2103f). Für die Auswahl gelten die §§ 1779 ff.

 

Rn 3

Die Entlassung des Jugendamts oder des Vereins muss weiterhin dem Wohl des Mündels dienen, wobei dieser Grundsatz im Einzelfall Einschränkungen unterliegen kann. Es gilt jedoch der Grundsatz der Subsidiarität der Amts- und Vereinsvormundschaft, so das Jugendamt oder Verein zu entlassen sind, wenn eine als Vormund geeignete Person vorhanden ist (Staud/Veit § 1887 Rz 6–9). Obwohl es anders als im Betreuungsrecht keinen absoluten Vorrang der Einzelbetreuung gibt, wird grds der individuellen Erziehung der Vorrang ggü der Amtsvormundschaft einzuräumen sein (LG Frankfurt/M FamRZ 09, 2103). Die Entlassung hat außerdem auf Antrag des Jugendamtes zu erfolgen, wenn sich der gewöhnliche Aufenthalt des Mündels dahingehend ändert, das nunmehr das Jugendamt eines anderen Bezirks zuständig ist (§ 87c III SGB VIII).

 

Rn 4

Das Verfahren ist vAw einzuleiten, wenn das Gericht von einer anderen geeigneten Person Kenntnis erlangt, sonst auf Antrag. Den Antrag können der mindestens 14 Jahre alte Mündel, der Verein oder das Jugendamt (s § 56 IV SGB VIII: jährliche Prüfungspflicht ob Entlassung angezeigt ist, wenn dies zutrifft besteht Antragspflicht gem II 3) und jeder Dritte stellen, der ein berechtigtes Interesse des Mündels geltend macht (II 2). Dies ist gegeben, wenn jemand wegen seiner persönlichen Beziehungen zum Mündel ein nachvollziehbares Interesse an dessen Wohlergehen hat (Hamm FamRZ 87, 1196).

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